Schlagwort-Archive: Sophie von La Roche

Banana Yoshimoto, die Brontë-Schwestern, Alice Walker, oder: Wenn Weltliteratur nicht von Männern ist.

Wir befinden uns im Jahr 1771. Ein Überraschungshit mischt die deutschsprachige Literaturszene ordentlich auf. Einer der ersten deutschsprachigen Briefromane wird anonym vom Herausgeber Christoph Martin Wieland veröffentlicht, eine utopische Geschichte um die emanzipatorische Entwicklung einer Tochter aus gutem Hause – und er entpuppt sich alsbald als Verkaufsschlager. Als Fortsetzungsroman in zwei Teilen begeistert er die Literaturliebhaber_innen. Wieder und wieder muss das Werk allein im ersten Erscheinungsjahr aufgelegt werden. Die Lobpreisungen überschlagen sich: »Man wird nun hoffentlich bald aufhören, von diesem Buch zu reden, und fortfahren, es zu lesen und zu lieben«, fasst Goethe die belletristische Sensation zusammen, für die er so sehr schwärmt, dass sie ihn dazu inspiriert, wenig später die Arbeit an »Die Leiden des jungen Werther« aufzunehmen. Dem Autor der Literatursensation gebühren Ruhm und Ehre. Doch es gibt ein Problem: Es gibt keinen Autor. Es gibt eine Autorin. Die »Geschichte des Fräuleins von Sternheim« ist nämlich von Sophie von La Roche geschrieben worden.

»Was für großartige Dinge hätte ich jetzt schreiben können!«

Einige Jahrzehnte später: In England schreibt eine furchtbar gelangweilte junge Lehrerin in ihr Tagebuch. »Fast eine Stunde lang habe ich mich abgerackert, um Miss Lister, Miss Marriot und Ellen Cook den Unterschied zwischen einem Artikel und einem Substantiv beizubringen«, heißt es da. Angesichts »solcher Faulheit und Interesselosigkeit« ihrer Schülerinnen versinke sie geradezu in Lethargie. Die Lehrerin klagt: »Was für großartige Dinge hätte ich jetzt schreiben können!« Ja, vielleicht hätte Charlotte Brontë noch mehr Weltliteratur produziert – wäre sie nicht in dem ihr von den Umständen aufgezwungenen Broterwerb als Lehrerin gefangen gewesen. Sie sollte trotzdem – ebenso wie ihre drei Schwestern – eine der größten Schriftstellerinnen aller Zeiten werden. Weiterlesen

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