Interview mit Yassir: Drei Jahre Marokko, bisher kein Zurück

Der Anlass ist immer wieder aktuell: Es folgt ein Interview mit dem Frankfurter Hip-Hop-Artist Yassir Ezarzar, der vor drei Jahren nach Marokko ausgewiesen wurde. Das Gespräch mit Yassir führte ich bereits 2010, aber auch heute noch beinhalten seine Aussagen absolute Aktualität, ebenso wie der Fall: Eine Rückkehr des Familienvaters nach Deutschland ist bis heute ungewiss.

Wenn Du Dich an Deine Jugend und Kindheit erinnerst – wann hast Du gemerkt, dass Du anders, dass Du „fremd“ bist?

Yassir: Das fing früh an, schon in der Schule. Da begann die Zeit, in der man sich behaupten und anpassen musste. Heute sehe ich es eher als Nachteil, sich zu wünschen, beliebt und anerkannt zu sein. Den Strebern ging es ja nicht anders: Sie litten auch in ihrer Jugend. Aber sie gehören heute zumindest meist zu einer besseren Schicht – und lassen manchmal ihren Frust leider an denen ab, denen es nicht so gut geht. Dass ich „fremd“ war, war aber nicht das Hauptproblem: Bei mir war es offensichtlich, dass meine Familie sehr arm war, und die Gesellschaft hat es einen natürlich spüren lassen. Ich habe zum Beispiel immer die abgetragenen Kleider meines Bruders tragen müssen. Und mein erstes Fahrrad habe ich geklaut, weil wir uns nicht leisten konnten, eines zu kaufen. Man hat immer zu spüren bekommen, dass man als Ausländer nicht wirklich gesellschaftsfähig ist. Einige hat das dann fast automatisch umgepolt, wobei das auch viel mit Ausländerstolz und Vorstellungen vom „Mann sein“ zu tun hatte. So war es zumindest bei mir. Ich wollte dann irgendwann dafür sorgen, dass mein Umfeld sich mit mir identifiziert, nach dem Motto: „Wer nicht für mich ist, ist gegen mich.“ Heute weiß ich, dass das absolut dumm war. Aber damals hat mir das sehr viel gegeben – weil ich mich zum ersten Mal anerkannt fühlte.

Das heißt, bei Differenzierungen zählt in Deutschland noch mehr als die Frage der Herkunft die Frage der Schicht?

Yassir: Natürlich. Kleider machen Leute. Wenn Du als Ausländer mehr Geld hast, dann wirst Du in Geschäften besser behandelt als ein Deutscher ohne Geld. Und ein deutscher Sozialfall wird meistens auch nicht besser behandelt als ein türkischer. Es geht immer um Kapital und soziale Schichten. Aber trotzdem ist es natürlich so, dass auch Religion zur Spaltung der Menschen beitragen kann – das sollte man nicht vergessen.

Wieso ausgerechnet Religion?

Yassir: Ich weiß es nicht. Es ist scheinbar das Thema des 21. Jahrhunderts geworden, und vieles scheint sich oberflächlich gesehen nur darum zu drehen. Viele andere wichtige Dinge gehen meiner Meinung dadurch unter. Ich persönlich bin gläubiger Moslem, und natürlich ist Religion für mich persönlich sehr wichtig – aber man sollte Religionen nie dazu nutzen, um politische Ansichten zu manifestieren. Das geschieht aber. Und deswegen darf man sich auch nicht wundern, wenn zum Beispiel der Islam, der ja eigentlich eine Religion des Friedens ist, zum Angstbild der Christen wird und viele Moslems einfach so zu Terroristen abgestempelt werden.

Was ist für Dich „Heimat“?

Yassir: Deutschland ist meine Heimat. Meine Kinder leben dort, ich bin dort aufgewachsen. Marokko kannte ich bis vor einem Jahr nur aus dem Urlaub. Jetzt sitze ich hier. Dadurch wird das Leben meiner Kinder und meiner Frau jedoch auch zerstört, weil sie so mitbestraft werden. Und es ist zugegebenermaßen sehr hart für mich, in Marokko zu leben. Ich bin hier mehr Ausländer als in Deutschland – wobei man als Ausländer hier meiner Meinung nach besser behandelt wird. Aber es gibt keine Infrastruktur, keine Arbeit – schwer krank werden ist hier gleichbedeutend mit sterben. Und es ist natürlich schwer, mit einer Gesellschaft klar zu kommen, die einem trotz der Wurzeln, die man hat, fremd ist. Als ich die Nachricht bekommen habe, dass ich ausgewiesen werde, war das wie ein Schock. Ich konnte es nicht glauben – bis ich in Casablanca stand.

Was sagst Du angesichts der derzeitigen Integrationsdebatte zur aktuellen Lage Deutschlands?

Yassir: Die ist, wie sie ist. Es gibt Strukturen, die nicht auf die Schnelle verändert werden können. Also müsste sich jeder Einzelne eigentlich seiner Verantwortung bewusst werden, was leider nicht mal im Ansatz der Fall ist, obwohl es vielleicht die einzige Lösung wäre. Die Struktur bleibt stärker als der Einzelne, das weiß ich selbst am besten. Der Witz ist ja: Ausgeschlossene wissen, dass sie ausgeschlossen sind, aber sie können nicht mit den richtigen Mitteln dagegen angehen, weil sie den Irrglauben haben, irgendwann nicht mehr zu den Verlieren zu gehören. Und diesem Irrglauben folgen sie, indem sie zum Beispiel kriminell werden – und damit haben sie schon verloren.

Was kann dazu führen, dass man sich für Kriminalität entscheidet?

Yassir: Das ist für einige wahrscheinlich der Versuch, kurzfristig Ziele zu erreichen; geboren aus dem Wunsch, irgendwann offiziell „mitzuspielen“. Aber der große Teil rutscht da natürlich aus Verzweiflung rein. Armut und Perspektivlosigkeit sind da für mich die Schlüsselwörter – ich hatte zum Beispiel nie etwas. Meine Mutter hatte kaum Geld und konnte uns nicht viel bieten; wir lebten in Frankfurt, der Drogen-Hauptstadt überhaupt. Als Marokkaner wirst Du dort fast täglich angesprochen ob Du Hasch hast, man wird von allen möglichen Leuten fast automatisch als Dealer wahrgenommen, und man kann natürlich günstig an Drogen herankommen. Man fängt aus Frust an, selbst zu kiffen. Dann kauft man sich das Zeug. Dann fängt man an, es anderen Leuten mitzubringen. Das war mein Einstieg – und dann verkaufte ich irgendwann nur noch Kilos. Aber dass es so war, darf keine Ausrede sein, um sich besser oder weniger schuldig zu fühlen. Es gibt noch andere Aspekte, die eine Rolle spielen, aber die Umgebung ist natürlich ein wichtiger Faktor. Vielleicht der Faktor, der das Meiste entscheidet – denn natürlich ist es „leichter“, in einem sozialen Brennpunkt asozial zu werden, als auf einem teuren Internat.

Als Musiker verzichtest Du in Deinen Tracks weitestgehend auf Schimpfwörter und möchtest ein Vorbild sein. Was brachte Dich zu dieser Entscheidung?

Yassir: Es war einfach ein Grundgedanke, den ich hatte, als ich mit meiner Musik angefangen habe. Ich wollte der Jugend meine Geschichte erzählen, ohne sie zu beschönigen, und zwar auf eine Art und Weise, wie es sie vorher im deutschen Hip-Hop nicht gab. Da ist es ein natürlich ein wichtiger Anfang, auf Schimpfwörter und asoziale Lyrics zu verzichten. Ich möchte nichts, was schlecht ist, verherrlichen – ich möchte auch kein Asi-Rapper sein. Ich möchte der Gesellschaft einfach zeigen, was mich dahin geführt hat, wo ich jetzt bin. Und die Szene supportet das, was mich sehr freut. Gangsta-Rap ist nichts für mich: Da sehe ich die Gefahr, die Jüngeren auf ganz dumme Ideen zu bringen. Denn Kriminalität ist nicht „cool“: Ich persönlich kenne niemanden, der aus Spaß gedealt oder geklaut hat – die meisten hätten sich viel lieber für einen anderen Weg entschieden und sahen es als Übel, das notwendig ist. Und deswegen sollte man niemanden durch Musik dazu verleiten, aus Coolness diesen Weg einzuschlagen. Ich möchte ein Beispiel sein: Heute habe ich die besten Ratschläge, wie man es nicht machen sollte – weil ich selber innerlich kaputt und im Arsch bin. Und ich freue mich, wenn ich merke, dass viele Menschen da draußen von meiner Musik berührt werden; wenn Leute mir zum Beispiel mitteilen, dass meine Musik ihnen Kraft gegeben und ihnen aus einem Loch geholfen hat. Und deswegen werde ich mit meiner Musik auch genauso weiter machen.

Was willst Du anderen, denen dasselbe wie dir widerfahren könnte, mit auf den Weg geben?
Yassir: Dass man aufhören muss, von einer Scheinwelt zu träumen, denn das wahre Leben sieht anders aus. Geld nützt nichts, wenn Du irgendwann alleine stirbst, wenn Du nie was Gutes im Leben getan hast, wenn Dich nie jemand geliebt hat. Mehr wert als jedes Geld ist gute Bildung – und dass man sich im Leben zurecht findet. Nur wer Gutes tut, wird auch Gutes erfahren, und wer Schmerz sät, wird Hass ernten. Man darf sich nicht mit „Games“ und unsauberen Kisten durchschlagen und darauf warten, dass irgendwann das richtige, ordentliche, saubere Leben anfängt. Und man sollte sich immer folgendes vor Augen halten: Man darf die Macht der Vergangenheit niemals unterschätzen. Denn sie hinterlässt Spuren.

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Ein Gedanke zu „Interview mit Yassir: Drei Jahre Marokko, bisher kein Zurück

  1. lidia gedamu sagt:

    Vollkommen richtig. Sehe ich genauso… ich bin froh zu srhen, dass es anscheinend doch ein paar vernuenftige Rapper gibt, die auch ohne andere Menschrn zu beleidigen vorwaertz kommen. Ich glaube, dass er einen guten Job macht und das deutsche Politiker_innen endlich mal aufwachen sollten und zuhoeren sollten. Ich hoffe er kann bald wieder nach Deutschland kommen, denn Deutschland braucht Menschen wie ihn um wach zu werden!

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