The Man Came Around – Johnny Cash zum 81.

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Im Karrierehoch einer der ganz Großen, aber zwischenzeitlich auch gut in der Versenkung verschollen: Das mag erklären, warum Johnny Cash erst relativ spät eine Rolle in meiner musikalischen Sozialisation spielte – wie auch vielleicht für so viele andere aus meiner Generation. Johnny Cash war für mich lange Zeit lediglich sowas wie ein Name, den ich kannte, verbunden mit ein paar Tracks, die mir wenig sagten  – genauso ging es mir lange mit Roy Orbison, Buddy Holly oder Elvis. Ich war 14, als Cash wieder auf der Bildfläche der musikalischen Öffentlichkeit auftauchte und mit dem ersten Teil seiner “American Recordings” das schaffte, was keiner mehr geglaubt hatte: Sein Comeback.

Und ich beschönige nichts – es ging relativ gut an mir vorbei. Nicht, weil wir damals keine Musik hörten, im Gegenteil – aber es war das Jahr des dahinsiechenden Grunge, besiegelt durch den Tod Cobains, und es folgte die Feldübernahme der Kommerzknallchargen (wie Greenday oder Offspring) – und dann der erstmal relativ orientierungslose Versuch, seine Konsumentenidentität wieder auf die Spur zu bringen. Den alten Cash quittierten viele in meinem Alter damals allenfalls mit einer “Kann man schon respektieren”-Attitüde, und ich will nichts schön reden: Für einen alten Mann, der allenfalls noch in Country-Shows angemessen gehuldigt wurde, begeisterte man sich nicht wirklich. Wie auch.

Es brauchte noch etwas weniger als ein Jahrzehnt, bis ich kapierte, dass da lange Zeit im Detail etwas an mir vorübergezogen war, das ich womöglich schon viel früher zu schätzen gewusst hätte: Cash hatte den vierten Teil seiner American Recordings veröffentlicht, und endlich kam auch die bildverseuchte Mtv-Jugend richtig zum Zug. Der Clip zum Nine-Inch-Track “Hurt” lief in Dauerspur neben den Jungwuchtbrummen-Videos von Furtado, Aguilera und Spears – und  war natürlich sowas wie eine Offenbarung. Dass dem Jugendwahn verschriebene Musikfernsehen kam an Cash nicht vorbei. Sicher, es gab immer wieder ältere Herren (und nur wenige Frauen), die auch in besseren Jahren bei Mtv und Co. noch hochgedaddelt wurden: Die Rolling Stones, Tom Jones oder auch Eric Clapton und Rod Stewart, denen man Anfang der 90er noch Unplugged-Sessions abrang – aber Cash war mit Abstand der älteste, und er hatte es geschafft, einen Clip hinzuwerfen, der trotz seines doppelten Großvater-Alters an Würde und Coolness nicht zu überbieten war.

Das also war meine erste richtige Begegnung mit Cash, der sich in den Folgejahren mit größter Anstrengung der Vollendung seines Vermächtnis widmete. Noch 2003 ging er altersgezeichnet ins Studio – mit Schmerzen, ausgeprägter Sehschwäche und Atemproblemen – um den fünften und sechsten Teil der “American Recordings” abzuschließen. Parallell begannen die Vorbereitungen zum Bio-Pic “Walk the Line”, für dessen Entstehung Cash und seine Frau June Carter bei der Drehbuchvorbereitung eingebunden wurden. Schauspieler Joaquin Phoenix erzählte später in Interviews von seinem ersten Besuch bei den Cash-Carters: Cash habe während des Gesprächs immerzu auf seiner Gitarre klimpern müssen – und sie jedoch immer wieder verschämt zur Seite gelegt, sobald Carter den Raum betrat.

Dass Cash seine Musik mit Vorliebe für die Entrechteten und die Ausgestoßenen der Gesellschaft schrieb besiegelte er bereits mit seinen Live-Alben, die er 1968 und 1969 in Gefängnissen aufnahm. Immer wieder betonte er, dass er seine schwarze Kleidung stellvertretend für die Geächteten trug – und schlug so dem kitschig-buntem Country-Stil ein Schnippchen. Cash, ein Rebell innerhalb des eigenen Systems, sich dem gängigen Country-Habitus entziehend, dem Musikstil jedoch absolut treu.

Natürlich, es gab immer wieder Künstler, die ihrer Sympathie mit den Leuten “ganz unten” in ihren Werken Ausdruck verliehen: Charles Bukowski etwa, der sich in seiner Literatur ganz den Systemverlierern widmete, und im Musikbusiness später natürlich auch Tom Waits und Bruce Springsteen, die sich Prostituierten und den armen Clochards (Waits) und den Arbeitern (Springsteen) verschrieben hatten, aber das war vielleicht etwas anderes – Bukowski war selbst abgehalftert, Waits inszenierte sich mit einer intellektuellen Wankelmütigkeit, die seine Tracks zu unkodierbaren Kleinoden hochstilisierte und Springsteen war gewissermaßen der Rock-Malocher, der sich im Alleingang das Gitarrespielen (inklusive einer merkwürdigen Autodidakten-Spieltechnik) angeeignet hatte. Im Gegensatz dazu jedoch versuchte Cash, diese Solidarität nach unten nicht nur auf Platte zu besingen, sondern ihr auch symbolisch Leben einzuhauchen – und das zog er mit Konsequenz durch. Vielleicht war das mit ein Grund, warum er zwischendurch für Jahre ein bisschen vergessen wurde: Zu viel Solidarität, zu wenig kokettierende Kunst.

Johnny Cash wäre heute 81 Jahre alt geworden.

3 Gedanken zu „The Man Came Around – Johnny Cash zum 81.

  1. Sarah sagt:

    „Bukowski war ein Penner“ – und ein Arschloch noch dazu…

    Danke für den Rückblick, mir ging es ganz ähnlich mit der späten „Entdeckung“!

  2. Marc sagt:

    Meine Entdeckung bzw. Wiederentdeckung von Johnny Cash lief sehr sehr ähnlich ab. Und seitdem lässt mich seine Musik nicht mehr los. Und die Geschichten über das Entstehen der Zusammenarbeit mit Rick Rubin und der Verlauf dieser sind wunderschön

  3. monodromie sagt:

    man sollte vielleicht auch erwaehnen, dass Cash es immerhin unterliess, sich im fortgeschrittenen Alter in Videos mit grantigen Ehefrauen und jungen Sexobjekten zu umgeben, wie es etwa David Bowie in seinem neuen Video tut, das neben seiner subtilen Frauenfeindlichkeit die angebliche Schoenheit und das angebliche Revoluzzertum der Jugend abfeiert und doch nur peinlich ist. Andererseits muss man aber auch sagen, dass Cash seinen spaeten Erfolg vor allem seinen grossen Faehigkeiten als Interpret verdankt, was nicht jedem gegeben ist und es wahnsinnig schwer ist, im hohen Alter als SongschreiberIn sich staendig neu zu erfinden, wie man es ja allenthalben von Kuenstlern erwartet, ich sehe das ja schon mit 38, ich kann nicht einmal mehr angewandte Mathematik lernen, die fuer jeden Studenten ein Klacks ist, man kommt irgendwann nicht mehr heraus aus seinem, ja, heimeligen Plueschsessel.

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