Primark und die eingenähten Etiketten: Guerilla-PR?

Tatsächlicher Protest oder Guerilla-PR* irgendeiner NGO? Sei Tagen wird über die rätselhaften Primark-Etiketten berichtet, die mittlerweile drei Kundinnen in Primark-Kleidung gefunden haben (wollen). „Forced to work for exhausting hours“ steht auf einem Zettel, den die britische Primark-Kundin Rebecca Gallagher gefunden hat. Das zweite Etikett fand Kundin Rebecca Jones: „Degrading sweatshop conditions“. Gallagher kommt aus dem walisischen Gowerton, Rebecca Jones aus Swansea, und eine dritte Kundin aus Belfast, Karen Wisinska, will eine auf chinesisch verfasste Nachricht in einer ungetragenen Primark-Hose gefunden haben.

primark

Man könnte diese Aktionen für gelungene Widerstandsakte halten: Näherinnen, die die widrigsten Arbeitsbedingungen aushalten müssen, treten direkt in Kontakt mit den Konsument_innen der von ihnen produzierten Ware – und begehren auf. Fast schon hollywoodreif kann einem das vorkommen: Stolze Näherin (oder stolzer Näher), gebeutelt vom Leben, näht Messages in Kleider, weil ja mit Sicherheit jede einzelne Made im Industriespeck die aus Versehen eine Primark-Leggins kauft dazu in der Lage sein könnte Ungerechtigkeit auf der Welt zu bekämpfen.

Ohne auch nur eine Sekunde anzuzweifeln, dass unter den schlimmsten Bedingungen für Primark und Co. produziert wird, dass Menschen ausgebeutet werden, dass die niedrig bemessenen Löhne eigentlich gar keine Gehälter sondern allenfalls minimalstes Schmerzensgeld sind, möchte ich an dieser Stelle anmerken, dass sich mir bei dieser ganzen Geschichte immer mehr fette Zweifel entwickeln, so sehr strotzt sie vor Elendsromantik und white savior tears („… Primark customer said she felt like crying after she found a prison identity card and a worker’s cry for help“).

Alle Etiketten wurden innerhalb weniger Tage gefunden – zuletzt sogar in einer angeblich Jahre alten Hose. Und die Arbeiter_innen haben bestimmt nix besseres zu tun als all die Konsument_innen aus Industrienationen nord-westlicher Prägung mit den Etikett-Stickereien zu kontaktieren, weil andere Protestaktionen ja nicht denkbar sind (siehe Bild unten).

Hier zum Beispiel sehen wir Protestler_innen nach dem Einsturz der Texilfabrik in Bangladesh 2013. Eine von vielen Demos, die niemals so viel Aufmerksamkeit bekommen werden wie drei Etiketten in gepunkteten Röcken oder Hosen. (c) http://www.waronwant.org

Misha hat mir heute morgen dankenswerterweise auch schon den Link der Kolleg_innen von mimikama gespostet, die nochmal zusammenfassen was für eine Viral-Aktion spricht:

„- Das zeitgliche Auftauchen der Zettel
– Die geografische Verteilung der Zettel
– Die englische Sprache auf den Zetteln
– Ungereimtheiten bei den Verkaufsdaten der einzelnen Produkte.“

Eigentlich müssten wir jeden Tag Etiketten in irgendwas finden. Im Smartphone, im Computer, im Kaffee, in Schokoladentafeln und in überhaupt allem, für das Menschen jeden Tag zu unmenschlichen Bedingungen weltweit ausgebeutet werden. Sollte es sich bei dieser Geschichte um eine Viralaktion handeln, die darauf ausgelegt sein soll, auf schlechte Arbeitsbedingungen hinzuweisen, so kann ich nur sagen dass das Ganze bei mir einen schalen Beigeschmack verursacht. Antikapitalismus hin oder her – Stellvertreter-Sprech, White-Savior-Syndrome und das Unsichtbarmachen von realem Protest haben noch niemandem geholfen.

Edit: Tatsächliche Systemkritik funktioniert nicht, wenn die nächste Lösung die sein soll, Menschen zu verurteilen, die aus welchen Gründen auch immer in günstigen Geschäften (wie beispielsweise Primark) einkaufen (müssen). Kapitalismus ist ein komplexes Problemfeld und kann nicht auf individuelle Verantwortungen herunter gebrochen werden. Deswegen ist auch der Hinweis, man „dürfe eigentlich nicht bei Primark und Co.“ kaufen, nicht hilfreich. Just sayin‘.

 

 

 

*nicht von Primark!!!!1111

9 Gedanken zu „Primark und die eingenähten Etiketten: Guerilla-PR?

  1. perlenmama sagt:

    Danke, ich hab es auch in allen meinen TL’s und irgendwie hab ich bei jedem Mal wo ich es gesehen hab erstmal gedacht „ja nee is klar“. Und dann „JETZT kommt ihr drauf??“
    Es stinkt echt nach PR Aktion, und zwar zum Himmel. Und millionin Menschen klicken „gefällt mir“ und sind erschaudert, ja teilen/retweeten es vielleicht sogar. Aber wirklich darüber nachdenken, woher ihre Konsumgüter denn kommen, werden die wenigsten. Auch ein PR-Gag tut da, längerfristig, gar nix gegen.

  2. […] [Dieser Text erschien bereits gestern zuerst auf Shehadistan.] […]

  3. […] Ging groß durch die Medien und ihr habt es sicher mitbekommen: Kundinnen fanden in ihren Klamotten von Primark Hilferufe von Näherinnen. Nadia schrieb auf ihrem Blog Shehadistan über ihre Vermutung es handele sich um sogenannte Guerilla-PR. “Eigentlich müssten wir jeden Tag Etiketten in irgendwas finden. Im Smartphone, im Computer, im Kaffee, in Schokoladentafeln und in überhaupt allem, für das Menschen jeden Tag zu unmenschlichen Bedingungen weltweit ausgebeutet werden.” – Unbedingt reinschauen: Primark und die eingenähten Etiketten: Guerilla-PR? […]

  4. […] Shehadistan über die angeblichen Hilferufe in Primark-Klamotten: Primark und die eingenähten Etiketten: Guerilla-PR? […]

  5. AnnyRosvally sagt:

    Ich muss sagen,dass mein erster Gedanke ja war : woher zum Henker können die englisch? Und wieso können die schreiben?
    Fakt ist doch, dass die meisten Frauen in Bangladesch nie das Recht hatten (und nach meinen Informationen auch immernoch nicht haben) in die Schule gehen zu dürfen, geschweige denn von dem Fakt, dass die Schulen überfüllt und die Lehrmethode zu wünschen übrig lassen und Lücken aufweisen, die Kinder meist die Schule abbrechen,weil die Familie sie als Arbeiter braucht…all das sind für mich fakten, die zudem (neben den von dir bereits genannten) dazu beitragen, eher an eine PR Aktion zu glauben.

  6. […] — PRIMARK UND DIE EINGENÄHTEN ETIKETTEN: GUERILLA-PR? […]

  7. schwarzrund sagt:

    So.sehr.ja.

    mich nervt es auch, dass nicht mit-denken von genarellen Produktionsbedingungen. Es würden überall Zettel stecken. Der Grund warum über solche Potestformen beichtet wird aber nicht über eigenständige Demos? Ganz klar: mitleid ist cooler wie das Eingestehen der Konsequenzen der eigenen Handlungen.

  8. […] zu dem Thema insgesamt sind: Ganz bewusst und aktivistisch shoppen gehen? (Mädchenmannschaft), Primark und die eingenähten Etiketten: Guerilla-PR? (shehadistan.com) und Plastikschrott in Jogginghosen […]

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