Die EMMA und die idealen Leser_innen

Flickr (c) jepoirrier

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Die EMMA fügt sich mal wieder ein in die Reihe des „Angst essen Seele auf“-Schreibertums und arbeitet sich an Mädchenmannschaftsphantasien ab. Stephen King hielt in „Das Leben und das Schreiben“ fest, dass er seine Texte immer für die – seiner Meinung nach – idealen Leser_innen verfasst. Ich weiß nicht wie die idealen EMMA-Leser_innen aussehen, und eigentlich möchte ich es manchmal auch gar nicht so genau wissen. Ich weiß aber, wie ich mir meine idealen Leser_innen bei der Mädchenmannschaft vorstelle.

Damit meine ich nicht, dass ich irgendwem den Mund verbieten will, oder meine Gedankendiktatur ausbreiten möchte. Sondern, dass ich schreibe, um die Leute zu erreichen, die vielleicht Sachen schon mal so gedacht haben wie ich. Oder die Leute, die sich dieselben Fragen stellen. Und wenn ich drei, vier, fünf erreiche, dann ist das schon gut. Drei-, vier-, fünfhundert werden weiterhin gern das Magazin von Alice Schwarzer lesen.

Ich war noch jung, als ich die EMMA ein paar Mal durchgeblättert habe, zumindest wesentlich jünger als heute, und ich weiß, dass ich sie immer mit einem schalen Gefühl wieder beiseite gelegt habe. Das Heft ging damals, vor knapp einem Jahrzehnt, zumeist los mit „Der Islam ist scheiße“ – und hörte auch so auf. Es war eine Zeit, in der es in den französischen Banlieues vermehrt Fälle brutaler Gewalt gegen junge Mädchen gab, Ghofrane Haddaoui, Sohane Benziane, ich habe die Namen nicht vergessen, und ich habe auch nicht vergessen, dass die EMMA sich wie eine Trittbrettfahrerin auf diese Fälle stürzte, um systematisch Ressentiments zu schüren. Nuancen? Fehlanzeige. Lieber: Tendenziös sein.

Und, auch: Rassismus als Mittel zum Zweck für „den“ Feminismus. Bis heute. Deswegen wird hier auch wieder versucht, die Mädchenmannschaft als Lachnummer abzuqualifizieren, die dank Anti-Rassismus nur noch Wischi-Waschi-Feminismus zu bieten hat, der das große „Gesamtziel“ gefährdet. Ich muss Adorno bemühen: „Es gibt kein richtiges Leben im falschen.“

Die Hauscartoonistin Franziska Becker zeichnet Comicstrecken für das Heft, die jedem halbwegs anti-rassistisch sensibilisierten Menschen die Augenbrauen in die Höhe und das Runzeln auf die Stirn treiben – man sollte zum Beispiel in Ruhe mal dieses Exemplar hier auf sich wirken lassen.

Was bleibt? Die EMMA braucht mich nicht, weil sie weiterhin ihr latent-rassistisches, orientalistisches, stark begrenztes Weltbild braucht. Und deswegen brauche ich die EMMA und auch Alice Schwarzer nicht.

Kurt Cobain sagte: „At this point I have a request for our fans. If any of you in any way hate homosexuals, people of different color, or women, please do this one favor for us — leave us alone! Don’t come to our shows and don’t buy our records.“

Simone de Beauvoir sagte: „Eine Frau wird nicht als Frau geboren, sondern dazu gemacht.“

Ich sage: Ich wurde nicht als Mensch mit Migrationshintergrund geboren, aber ich werde ständig – unter anderem auch von der EMMA – zur Kanackin gemacht.

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Und ein Nachtrag:

Gerade erst gesehen, ebenso befremdlich – vor allem an der Stelle, wo „Rassismus“ mit „Islamismus“ gleichgesetzt wird. Hä? (Erschienen übrigens auf Alice Schwarzers Seite. Und jetzt: Die Pointe suchen gehen.)

Vierzig Jahre später ist es in Deutschland mal wieder soweit. Zumindest im akademischen, sich als links verstehenden Feminismus, der allerdings an den Unis Hochkonjunktur feiert. Da gibt es wieder mal Wichtigeres als den Kampf gegen den Sexismus, nämlich: den Antirassismus. Und laut dieser Debatte haben alle „People of Colour“ und ihre Gefolgsleute erst mal recht – und alle Weißen unrecht. Vor allem die „privilegierten weißen Mittelstandsfrauen“, wie die, die in der Berliner Bloggerinnen-Szene zurzeit unter dem Diktat von Sektiererinnen kuschen.

Bei genauerem Hinsehen geht es allerdings bei dieser Affäre rund um den „Slutwalk“ und die „Mädchenmannschaft“ gar nicht um Rassismus – sondern um Islamismus. Ich kenne das auch aus eigenem bitterem Erleben: Jegliche Kritik am Islamismus – nicht Islam, das ist die Religion, Islamismus aber ist der Missbrauch des Glaubens für politische Machtstrategien – wird seit nun mehr 30 Jahren in Deutschland, und vermutlicht nicht nur da, im Keim erstickt durch den Vorwurf: Rassismus!

Dabei ist es nicht ohne Komik, dass ausgerechnet der Islamismus, diese neue Variante des Faschismus, mit Argumenten von links verteidigt und verklärt wird. Aber das wissen wir ja schon lange, dass die Extreme sich berühren: Es gab bereits Bündnisse zwischen Links- und Rechtsextremen, ebenso wie zwischen Islamisten und Links- bzw. Rechtsaußen. Und LagerwechslerInnen sind eh an der Tagesordnung.

Soweit, so bedenklich. Nur eines sollten wir Feministinnen nicht länger zulassen: Dass so argumentiert wird im Namen des Feminismus!“

Getaggt mit , ,

24 Gedanken zu „Die EMMA und die idealen Leser_innen

  1. Marc1 sagt:

    Starker Text. Danke.

  2. distelfliege sagt:

    Argh, nun auch das noch. Ich dachte mir so: die Emma sollte einfach den bürgerlichen Mainstreamfeminismus bedienen und die anderen wenigstens in Ruhe lassen. Aber das Problem mit dem Rassismus bleibt ja dann leider bestehen.

  3. liawriting sagt:

    hab mich heute auch schon über den text geärgert, also danke, danke!! 🙂 sehr gut auf den punkt gebracht, und außerdem: „mädchenmannschaftsphantasien“ 🙂 uund bezug zu stephen king 🙂 (*yay*)
    die emma macht sich auch lächerlich, weil sie sowieso selbst nichts mehr produzieren, sondern inhaltlich nur mehr sachen bringen, die im netz oder anderswo schon längst debattiert wurden und bei der emma dann erscheinen, wenn es zwar noch diskutiert, aber nicht mehr tagesaktuell ist.

  4. […] Man kann eigentlich in Anbetracht des aktuellen Artikels zum selben Schluss wie Nadia Sehhadeh komme… […]

  5. bigmouth sagt:

    einfach mal das forum auf der Emma-seite lesen, dann wird jedenfalls klar, wie die leserinnen der Emma, die sich immerhin über deren inhalte im netz austauschen wollen, so ticken. schön ist das oft eher nicht, gutes beispiel wäre http://forum.emma.de/showthread.php?7836-4-12-Kann-Prostitution-wirklich-freiwillig-sein

  6. […] the bloggers of Mädchenmannschaft (yes, again, always, blah… – Nadia at Shehadistan has published a great comment on another EMMA-Artikel that also jumped on the bandwagon) and other feminist bloggers and […]

  7. Lea Wahode sagt:

    Auch, wenn ich solche einfallslosen Kommentare eigentlich verschmähe: Großartig geschrieben.

  8. […] Nadia und accalmie haben sehr lesenswerte Texte zu Alice Schwarzer […]

  9. Franziska sagt:

    hm. Text. nicht schlecht….
    stolperte aber dann doch am Ende über dieses etwas komische „ich packe mal die ExtremismusTheorie aus“ am Ende.

  10. emranferoz sagt:

    Das Thema bezüglich des Islamismus ist eine Sache für sich, aber ansonsten teile ich voll und ganz Deine Meinung.

    Grüße

  11. […] (ja, schon wieder, wie immer, bla bla bla… – Nadia hat auf Shehadistan einen tollen Kommentar zu einem anderen EMMA-Artikel veröffentlicht, der in die gleiche Kerbe haut) sowie andere feministische Blogger_innen und Aktivist_innen in […]

  12. […] Nadia schreibt in etwa: Wenn die EMMA mich nicht braucht, brauche ich die EMMA und Alice Schwarzer auch nicht. Seriously, Nadia? Ich mein, mit der Schwarzer gebe ich dir zu 100% Recht; ich find die scheiße. Aber was denkst du, wie es mir mit dir geht? […]

  13. […] Nadia schreibt in etwa: Wenn die EMMA mich nicht braucht, brauche ich die EMMA und Alice Schwarzer auch nicht. Seriously, Nadia? Ich mein, mit der Schwarzer gebe ich dir zu 100% Recht; ich find die scheiße. Aber was denkst du, wie es mir mit dir geht? […]

  14. […] hat sich auf Shehadistan daraufhin die Frage gestellt, wie die EMMA sich die idealen Leser*innen wohl vorstellt und kam zu dem Schluss: “Die EMMA braucht mich nicht, weil sie weiterhin ihr […]

  15. micha sagt:

    Toller Text Danke.

  16. Liriana sagt:

    So, dank u.a. diesem wunderbaren Text (danke!!) jetzt hab ich endlich gemacht, was ich schon lange hätte tun sollen – mein Emma Abo gekündigt. Mein Text: Liebes Emma-Team/ Ich kündige hiermit per sofort mein Emma-Abo. Diese ganze Antirassismus-ist-Antifeminismus-Idee ist sowas von hirnrissig und kontraproduktib, diesen rassistischen, orientalistischen Mist will ich nicht mehr lesen./ Grüsse
    Phu!

  17. Maus2000 sagt:

    Ich habe die EMMA auch nur etwa zwei Jahre lang gelesen. Neben dem schon genannten internen Weltbild hat mich auch gestört, dass dort teilweise weibliche Homosexualität als Maßstab genommen und Heterosexualität als anti-feministisch hingestellt wurde. Ich kann mich an Sätze erinnern, wie „Wir Frauen wissen ja, wie wenig uns das Tragen eines Tampons erregt“ (In Bezug darauf, dass Frauen angeblich beim penetrativen Geschlechtsverkehr nichts empfinden). Oder lange Artikel über lesbische Tiere. Ich habe nicht das geringste Problem mit Homosexualität. Aber ich möchte nicht, dass in einem Magazin, das sich an Frauen allgemein richtet, meine Sexualität verunglimpft wird. Feminismus heißt nicht Männerfeindlichkeit.

  18. […] Positionen, an denen sich Schröder überhaupt abarbeitete, jene von Schwarzer und der EMMA […]

  19. […] “Über die Relevanz von Schwarzer und EMMA” “Nachtrag zu Schwarzer und EMMA” “Die EMMA und die ideale Leserin” […]

  20. […] gehört auch dieser unglückliche Artikel der Emma, die sich in den letzten Jahren ohnehin nicht eben mit Ruhm bekleckert hat und für viele Feministinnen inzwischen ein rotes Tuch […]

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