Helen Greenfields „Die Königin von Versailles“: Von der Skyline zum Bordstein

SWR/Lauren Greenfield/INSTITUTE

SWR/Lauren Greenfield/INSTITUTE

Mit dem Film „Die Königin von Versailles“ ist Lauren Greenfield – sarkastisch gesagt – sozusagen ein Glücksgriff in Zeiten des Unglücks gelungen: Über fünf Jahre begleitete die Dokumentarfilmerin David und Jackie Siegel, ihres Zeichens Oberhäupter einer frischen Milliardärsfamilie aus aus Florida, Orlando. In Glanzzeiten und beim finanziellen Absturz filmt sie das Paar samt seiner Sprösslinge – und schafft es damit, einen Stellvertretereinblick in die unlogischen Weiten des Superreichsseins zu geben. Kurz gesagt ist Dreh- und Angelpunktausgangsfrage der Doku: Was passiert mit einer superreichen Familie, wenn sie plötzlich nicht mehr ganz so superreich ist? Greenfield und die Siegels zeigen es uns.

David Siegel ist der Chef von Westgate Resorts, einem Urlaubssharing-Unternehmen, und im Wortlaut wohl das was man einen Selfmade-Millionär (bzw.: Milliardär) nennt. Regisseurin Greenfield stößt also in der Blütezeit des Siegel-Clans auf die Familie und beginnt mit den Arbeiten an einem Dokumentarfilm, der anfangs vielleicht noch die etwas tiefsinnigere Variante des Mtv-Alt-Hits „The Osbournes“ hätte werden können. Doch es kommt natürlich anders.

Die Doku startet ganz klassisch mit dem Abfilmen eines Fototermins, bei dem anscheinend Bilder für die Familien-Annalen geschossen werden.Wir schreiben das Jahr 2007, und alles ist ein bisschen überdimensional bei den Siegels: David sitzt auf einem thronähnlichen Sessel, Jackie sitzt auf seinem Schoß, und man sieht beiden an, wie sehr sie bisher im Leben einfach immer wieder von der Sonne auf den Arsch geküsst wurden. Die Selbstsicherheit hat sich bereits in eine gewisse Art der Arroganz umwandelt – wenn auch in eine zugegebenermaßen sympathische.

Das größte Einfamilienhaus der Welt bauen sie gerade, denn bei den Siegels wurde jahrelang – zumindest bis zur Finanzkrise 2008 – nicht gekleckert, sondern immer nur geklotzt. Acht Kinder, 20 Hausangestellte, ein Riesen-Anwesen, das bereits bewohnt wird, dutzende Hunde und Pfauen und weiß-der-Geier, und zusätzlich wird dann nun eben auch noch einfach mal Versailles nachgebaut – architektonisch angelehnt an eine Skizze des französischen Schlosses, die David Siegel eins nach einem Urlaub einfach mal auf einen Briefumschlag pinselte, um später noch ein Dach aufzumalen, das er einst mal irgendwo in Las Vegas gesehen hatte, und das ihm gefiel.

„30 Badezimmer, dann muss man nirgends mehr zum Pinkeln anstehen“, lautet Jackies Kurzbeschreibung des neuen geplanten Palastes, und Geld spielt keine Rolle, noch nicht. Geld ist zu diesem Zeitpunkt in der Siegel-Familie derartig selbstverständlich, dass David und Jackie damit umgehen, als sei es einfach mal so da, als sei es noch selbstverständlicher da als die Luft zum atmen, als gäbe es tatsächlich einen Esel, der im Keller die Dukaten scheißt.

Wie genau Siegel mit seinem Geschäftsprinzip superreich wurde, erschließt sich einem durch die Dokumentation nicht – es geht um Verkäufer_innen, die Urlaubsdomizilrechte an US-amerikanische Bürger_innen verkaufen, die wiederum einen Vorschuss leisten, und um Banken, die wiederum Geld irgendwo in Davids Anwesen hineinpumpen um die ganze ominöse Logik „Irgendwo wird’s schon herkommen“ weiter zu befeuern, und um diesen Kreislauf wo aus Luft irgendwo immer wieder Geld gemacht wird, solange der fragile Luftballon dieses Konstrukts nicht mit dem Hammer zum Platzen gebracht wird. Und, wir wissen es jedoch schon: Der Hammer wird kommen.

Den totalen Überblick verlieren: Dieses Gefühl hat man als Zuschauer_in, wenn einem die diversen Schneeballsysteme des Siegel’Schen Unternehmenskonzept des Urlaubs-Sharings nahe gebracht werden. Und wenn man zusätzlich hautnah dabei ist, wie Familie Siegel den Überblick verliert – weil im Zuge der Finanzkrise Kredite eingefroren werden, die Westgate Resorts für den Erhalt des Geschäftsbetriebs dringend benötigt.

Doch quasi über Nacht geht 2008 dann nichts mehr, und Siegel muss tausende Mitarbeiter_innen entlassen. Und nun selbst mit seiner Familie „den Gürtel enger schnallen“ – was in dem Dimensionsfeld, in dem wir uns hier befinden, heißt: Statt Wagen mit Chauffeur wird nun auch mal das Auto selbst gelenkt, statt im eigenen Jet wird in Linienflügen gereist („Wie war denn euer erster Linienflug, Kinder?“ – „Warum waren da noch andere Leute in unserem Flugzeug, Mom?“), und Jackie gönnt sich ihren Leib- und Magen-Kaviar nur noch zu ausgesuchten Anlässen (zum Beispiel: Heiligabend).

Der Stab der Hausangestellten wird dezimiert, von 20 auf ein Team von insgesamt knapp fünf Mitarbeiter_innen, das in einem Anwesen, das tausende Quadratmeter groß ist, und bei der Anzahl der Kinder und Alltagsaufgaben bald hart an seine Grenzen stößt.

Als Zuschauer_in kann man praktisch minutiös mit ansehen, wie die Siegels nach und nach verwahrlosen – in einem langsam sich zumüllenden Palast, dessen Böden tapeziert sind mit Fastfood-Tüten und Hundekacke und einzelnen Kakerlaken, die wiederum von den Hunden gefressen werden. Eine Eidechse verhungert und verdurstet jämmerlich im Terrarium – die Tochter mäkelt, dies sei nicht ihre Schuld, da kein Chauffeur sie zur Tierhandlung gefahren habe, um Futter zu kaufen. Mutter Jackie steht (immer noch halbwegs wie aus dem Ei gepellt) hilflos daneben – und weiß halt auch nicht so recht, was sie dazu noch sagen soll.

Es sind peinsame, intime und verstörende Einblicke in das Leben der Siegels, die einem immer wieder die Frage in den Kopf schießen lassen, wie es sein kann, dass solch verpeilte Leute, die nicht mal die einfachsten Dinge auf die Reihe bekommen (zum Beispiel: Haustiere füttern), so stinkreich werden konnten. Und man kennt jedoch schon die Antwort: Kapitalismus, und Kapitalismus lebt eben nicht von Logik oder Gerechtigkeit oder sonstwas. Die Kamera aus „Die Königin von Versailles“ ist dabei wie eine Lupe, die kapitalistische Gelegenheitsstrukturen und gegenseitige Abhängigkeiten im Banken-, Geschäfts- und Finanzwesen anvisiert.

In diesem System, in dem mit Geld nur so um sich geschmissen wird oder zumindest wurde, steht dann zwischendurch die angestellte Kinderfrau der Siegels vor der Kamera, hält Fotos ihrer Kinder hoch, die nach wie vor auf den Philippinen leben, und berichtet unter Tränen, sie habe ihre Familie seit über einem Jahrzehnt nicht gesehen. Als Angestellte der Superreichen nicht mal das Geld für einen Flug nach Hause verdienen können, obschon rund um die Uhr gearbeitet wird: Herzlich willkommen im Kreislauf der Ausbeutung.

Die Widerwärtigkeit des Male Gaze fängt Greenfield zusätzlich mit einer Präzision ein, die einfach nur noch schmerzt: Zum Beispiel wenn die älteste Siegel-Tochter ihren Vater anranzt, er solle ihre Mutter respektvoll behandeln, und kurz danach sagt, sie habe den Eindruck, ihr Vater habe ihre Mutter nur geheiratet um mit ihr anzugeben, schließlich sei sie „sehr hübsch“ – und Jackie, die ehemalige Miss Florida, steht den Tränen nah daneben, da keine der ihr zugedachten Rollen mehr funktioniert. Kurz vorher hatte David Siegel schon in die Kamera von Greenfield gesagt, seine Ehe gäbe ihm keine Kraft – Jackie sei eher „wie ein zusätzliches Kind“. Jahre zuvor noch hatte er Jackies „großes Herz“ gelobt, dass jedwede nicht-vorhandenen „Hausfrauen-Qualitäten“ (O-Ton Siegel) wettmache. Nun, so scheint es, ist ihm die einstige Trophäe anscheinend zu schwer in der Hand geworden.

Wie Jackie aber trotz aller Widrigkeiten, die ihr auch im Rahmen der Beziehungs- und Familienarbeit entgegenschlagen, versucht, einigermaßen würdevoll durch die Schlaglöcher des Absturzes zu wanken – das sind mit die stärksten Momente der Doku. Sie sei nicht dumm, sagt sie irgendwann verzweifelt in die Kamera, als sie gerade erfahren hat dass die Raten für’s Haus nicht mehr bezahlt wurden und die Zwangsversteigerung droht: Doch sie wisse, dass sie sehr dumm wirken müsse, da ihr viele Informationen einfach vorenthalten würden.

Der Ehemann sitzt währenddessen eigenbrötlerisch mit dem Handy am Ohr auf den Sesseln des von innen verrottenden Familiendomizils und versucht – minimal demütiger zwar, aber immer noch von männlichem Größenwahn gezeichnet – irgendwie die Millionen aufzutreiben, die die Wiederaufnahme des Geschäftsbetriebs in Las Vegas und den Weiterbau am Traumeigenheim „Versailles“ vielleicht doch noch ermöglichen könnten.

„Kriege ich wenigstens einen Kuss?“, fragt Jackie nach einem Streit, den David angezettelt hat, da sie irgendwo im Haus auf 2500 Quadratmetern das Licht angelassen hat, und David sauer ist weil „auch Strom Geld kostet“. „Nein!“, blafft er zurück, und Jackie verlässt verstört sein Arbeitszimmer.

Zu Weihnachten, sagt er, brauche er keine Geschenke – er wünsche sich „nur“ 300 Millionen Dollar, um die Geschäfte wieder zum laufen zu bringen. Für soviel Realitätsferne möchte man ihm am liebsten die Ohren langziehen – bis einem wieder einfällt, dass im Kosmos der Siegels, in dem Netzwerke und Verbindungen und Machtverstrickungen ebenfalls andere Dimensionen haben, vielleicht doch nix unmöglich ist.

Zur Doku geht`s hier entlang:

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3 Gedanken zu „Helen Greenfields „Die Königin von Versailles“: Von der Skyline zum Bordstein

  1. Marc sagt:

    Unfassbar krasser Bericht. Ich weiß noch gar nicht, was ich davon halten soll. Vielen Dank für die Empfehlung.

  2. Frau Auge sagt:

    Danke fürs Posten. Ja. Sehr krass. Und sehr gut gemacht.

  3. […] Helen Greenfields „Die Königin von Versailles“: Von der Skyline zum Bordstein […]

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