Maria und Josef-Tralala in der “ZEIT”: Overacting “Armut”

Flickr (c) FundraisingZum Zeit-Text “Maria und Josef in Neukölln“: Natürlich ausgerechnet zur Weihnachtszeit, das heißt, ich hab nicht mal Zeit für total ausgefeiltes Kommentieren dieses Beitrags, der in den Netzwerken grad hoch- und runter geshared wird. Dabei finde ich ihn vor allem: Sehr ärgerlich.

Worum geht es?

“An diesem nieselnassen Mittwochmorgen nämlich lassen wir in der Sonnenallee Rucksack und Plastiktüten von den Schultern rutschen, rollen vor dem Schaufenster eines Netto-Marktes eine alte Wolldecke aus, ziehen die Mützen tiefer ins Gesicht und hocken uns auf den Gehsteig. Wir, das sind zwei ZEIT -Reporter, von nun an eine Woche lang ein Paar in zerschlissener Kleidung und zertretenen Schuhen.”

Um zwei Journalist_innen, die “Armut” spielen. Oder “Obdachlosigkeit”. Oder irgendein anderes Klischee rund um “arm sein”, von denen die Mittelschichtsbürger_innen – also auch die, die für`s Feuilleton arbeiten – ungefähr genauso viel authentische Ahnung haben wie ich über all die heterogenen Angewohnheiten und Plaisirs der Upperclass.

Ich muss sagen, als Textfragment ist das Ganze natürlich schön lesbar. Aber: Das Ganze geht halt gar nicht. Null. Es ist schon hart zu sehen wie “Overacting Armut” mit Klischees (Alditüte, Rucksack, alte Schuhe…) so absolut schmerzfrei zwecks ökonomischer und ideologischer Ausbeutung des Elends präsentiert wird. Und Leser_innen dieses “Aaaawww, es gibt doch noch gute Menschen, vielleicht ist das alles doch nicht so ungerecht!”-Feeling für fünf Minuten verpasst wir, bevor der nächste Dresdner Christstollen auf den Tisch gepackt wird.

Die strukturelle Gewalt, die mit Armutsverhältnissen einhergeht, kann nie und nimmer so gezeigt oder auch irgendwie nachempfunden werden. Stattdessen werden Leute, die wirklich etwas zum Thema zu sagen hätten, wieder unsichtbar gemacht. Unhörbar. Dieser Verkleidungsspaß für`s Feuilleton ist dabei genauso perfide wie jegliche fragwürdige Aktionen á la “Bei Pro7 zieht sich eine mal wer ´ne Burka an um zu zeigen, dass Deutsche das doof finden”.

“Die Armen” ™, die, die im “Problemviertel” ™ wohnen, sind eigentlich ganz nett. Aha? So wie es ist, dürfen immer nur die zeigen, die privilegiert und nicht betroffen sind. Das Schlimmere noch ist, dass dieses Poor-Facing so unkritisch beklatscht wird – auch von einigen, die diesen Verkleidungswahn der Privilegierten zwecks “Aufzeigen von Missständen” ™ ansonsten en Detail kritisieren können. Solange wir die Mechanismen dieser Machtverhältnisse nicht sauber auftickern können, müssen wir uns nicht wundern, wenn anderswo Leute die Beschissenheit von beispielsweise Blackfacing nicht verstehen. That`s it. Wanna say: Die fünf Minuten “schönes Gefühl” beim Lesen des Textes sind eigentlich nicht mehr als die hässliche Fratze der Unsolidarität, die Leser_innen gemütlich die Schulter krault.

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30 thoughts on “Maria und Josef-Tralala in der “ZEIT”: Overacting “Armut”

  1. emranferoz sagt:

    Habe den Artikel gerade vorhin gelesen. Ehrlich gesagt, fand ich ihn sehr schön. Allerdings nur während ich ihn gelesen habe.

    Im Nachhinein wurden die Dinge klar, die Du nun kurz auflistet. Ich finde es toll, dass du bezüglich dieser Themen immer so schnell und genau bist!

    Grüße,
    EF

  2. Maria sagt:

    Du hast Recht. Beim Lesen stellt sich aber auch noch ein Gedanke ein – Wie verhalte ich mich gegenüber Menschen, die mich um Hilfe bitten. Die Antwort darauf ist alles andere als gemütlich und die Frage muss gerade von denen gestellt werden, die privilegiert sind. Von daher glaube ich nicht, dass die meisten LeserInnen bei diesem Text sich gekrault gefühlt haben, wenn sie sich mal ehrlich hinterfragen.

    • Thomas sagt:

      Als “Privilegierter” stimme ich dir sehr zu.
      Klar freut man sich, wenn von “guten” Menschen hört. Aber das, was vom Artikel hängen bleibt, und insbesondere vom Vorgängerartikel von vor einem Jahr, ist doch, wer NICHT hilfsbereit ist – und wie man selbst gehandelt hätte.

  3. Jürgen sagt:

    Danke, schon zu wissen das da, wo mir die Worte fehlen, andere sie finden.

  4. amen! (oder weniger religous: yes! thats it!)

  5. Sturmkrähe sagt:

    Aye, natürlich begibt man sich so in die Gefahr, “die Armen” zur Schau zu stellen, eine Geschichte für Gutmenschen zu erzählen. Wenn ich aber in diesem Artikel viele Menschen wiedererkenne, die ich in Suppenküchen o.Ä. getroffen habe, wenn ich von ähnlicher Hilfsbereitschaft in anderen Städten berichten kann, ist die Geschichte sicher nicht falsch. Und ich denke nicht, dass es nur darum geht, ein wenig Feel-Good zu schaffen – sie inspiriert durchaus dazu, eben den Stollen Stollen sein zu lassen und sich, sei es im Ehrenamt oder politisch, dafür einzusetzen, Armut (ob bei Obdachlosen, Alten oder prekär Beschäftigten) zu lindern. Wer nach Lesen dieses Artikels und seines Vorgängers nur denkt “schön, dass Andere sich kümmern”, hat das Ganze gar nicht verstanden.

  6. Hans sagt:

    Mach’s halt besser.

  7. Anka Berlin sagt:

    “Ich muss sagen, als Textfragment ist das Ganze natürlich schön lesbar. Aber: Das Ganze geht halt gar nicht. Null. Es ist schon hart zu sehen wie “Overacting Armut” mit Klischees (Alditüte, Rucksack, alte Schuhe…) so absolut schmerzfrei zwecks ökonomischer und ideologischer Ausbeutung des Elends präsentiert wird.”

    Es begeistert mich immer wieder, wie du es schaffst, im Namen aller Betroffenen zu sagen, dass etwas im Namen oder an Stelle der Betroffenen zu tun oder zu sagen ja gar nicht geht.
    Merkst du das eigentlich wirklich nicht? Fällt dir nicht auf, dass du genau das tust, was du anderen vorhältst? Vielleicht gibt es ja so manche Neuköllner Obdachlose, die es wunderbar finden, dass über ihr Dasein berichtet wird und vielleicht finden sie sich auch sehr gut getroffen. Ach wie gut, dass es da eine Bielefelder Soziologin gibt, die völlig unbedarft in deren Namen erklärt, dass das ja gar nicht geht.

    Du darfst ja Artikel doof finden, du kannst bestimmte Recherchen ablehnen, aber maß dir doch nicht an, dies im Namen der Betroffenen zu verurteilen.

  8. Stefan sagt:

    Ich bin über rivva hier her gekommen und frage mich gerade, wie dieser Artikel dort gelandet ist.
    Kritik an dem besagten Artikel ist sicher sehr angebracht, aber das hier ist einfach auf einem Niveau geschrieben, das gar nicht geht.
    Das ist einfach in einem Wutanfall runtergeschrieben und würde eher in ein privates Tagebuch passen.

  9. Johannes sagt:

    hi, schaut doch auch noch auf meinem Blog vorbei :-)

    http://tt4fun.wordpress.com/

  10. Frank sagt:

    Richtig, auf keinen Fall den Erfahrungshorizont der ZEIT-lesenden Bildungsbürger aus Hamburg Ottensen und sonstewo um Impressionen von ganz untern erweitern, denn DIE BETROFFENEN KOMMEN NICHT ZU WORT! Weswegen man sich ja ach so wohlfühlt beim Lesen. Kleiner Tipp: Es geht in diesem Text nicht um Armut, sondern um deren Widerhall in der “Restgesellschaft”. Es ist gut, dass es solche Experimente gibt und es ist gut, dass darüber in der Weihnachtszeit berichtet wird, wenn Leute offen dafür sind. Aber bestimmt hast du ein besseres Sensibilisierungsmethodikum zur Hand als die olle Wallraff-Tour und deine kuschelige Metakritik. Lass mal hören.

  11. Leser die schlechte Laune haben, können ja auch einfach die blöden Geschenke umtauschen gehen, anstatt hier Kommentare zu schreiben. Die Geschäfte sind GEÖFFNET!

  12. Piotre sagt:

    Ich weiß ja nicht, wo du sonst deinen Weihnachtsbraten verspeist – ich tue es jedenfalls nicht “unter Armen”. Es handelt sich meiner Meinung nach um einen guten Einblick an den Rand der Gesellschaft. Der Artikel betont u.a. dass die Bindung zwischen Armen und Reichen immer mehr verloren geht, und dass, obwohl gerade in der Weihnachtszeit nicht individuelle Werte an Bedeutung gewinnen. Ich – für meinen Teil – habe dem Artikel als deutlichen Appell verstanden und nicht als “es geht doch”.

  13. alligator sagt:

    Wieso schreibst du “Armut” in Anführungszeichen? Das ist eine ziemlich greifbare, echte Sache, diese Armut und die kannst du dir jeden Tag ganz leicht angucken – inklusive dem, was du “Klischees” nennst – den zerschlissenen Klamotten und den Alditüten.

    Der Artikel ist tatsächlich ziemlich dumm, aber aus anderen Gründen, als du sie hier nennst. Man soll den Armen nur respektvoll entgegentreten und

  14. Ist es besser, gar nichts zu wissen oder mal eine Ahnung davon vermittelt zu bekommen, was in einem Stadtteil wie Neukölln passiert. Auch wenn es nur Fragmente bleiben. Dass ein solcher Bericht, so gut er auch geschrieben sein mag, höchstens ein Fitzelchen der Lebensrealität der Menschen trifft, wird den Lesern wohl klar sein.

    Wem kann es schaden, wenn dieser Beitrag ein paar Leute nachdenklich machen würde? Ist es mit unserer politischen Korrektheit schon so weit gekommen, dass wir bereits den Versuch geißeln, wenn Journalisten uns eine Geschichte erzählen, die nur einen Teil der Realität wiedergibt? Viele Gedanken machen wir uns über unsere Mitmenschen schließlich nicht – ein paar mehr vielleicht zu den Feiertagen. Warum sollten Journalisten das nicht nutzen?

    Ich habe keine Vorstellung davon, was es heißt, obdachlos zu sein. Und ich fühle mich, nachdem ich den ZEIT-Artikel gelesen habe, weder besser noch schlechter als vorher. Die Unterstellung der Autorin, wir wären so oberflächlich, dass wir den Text quasi als Placebo für Gewissensbisse hernehmen könnten, ist unangebracht.

  15. [...] wieder vor Augen geführt, warum ich die Zeit abbestellt habe. Für mich zwei Paradebeispiele von Klienteljournalismus mit Herzsimulation, weil wohl weder Managermillionäre noch HartzIV-Empfänger zu Giovanni di Lorenzos Kernzielgruppe [...]

  16. uli sagt:

    Das passt ja zu den beschriebenen Leuten aus der Köpi137: Selbstgefällige linke Festtagsreden gehen allemal vor praktische Hilfe.

  17. alligator sagt:

    Meinen Kommentar habe ich gekürzt und dann ausversehen den Rest dringelassen, darum der halbe Satz
    Es ist eigentlich nicht so wichtig, aber ich wollte noch etwas reinbringen, was mich in letzter Zeit sehr ärgert: dass man im Zuge der postmodernen Sprachpolitik gar nicht mehr über ökonmische Zustände reden will sondern stattdessen über solche albernen Phantasma wie den “Klassismus” – in diese Kerbe scheint mir dein Beitrag nämlich zu schlagen: wenn man doch Armut nur aus der “richtigen” Perspektive betrachtet, wenn doch nur die Betroffenen selbst sich äußern… das hilft leider alles nichts. Ob man Armut in nackten Zahlen, in persönlichen Berichten oder irgendwie anders darstellt – es bleibt die gleiche Scheiße. Und gegen die sollte man was tun.
    Der Zeit-Text erklärt nicht, warum es Armut gibt, das ist doch der eigentliche Punkt. Vielleicht sollte man sich darüber lieber mal Gedanken machen.

    Du schreibst von “ökonomischer und ideologischer Ausbeutung des Elends” – als wäre das kritikabel und nicht das Elend selbst. Ich halte diese Art von Kritik nicht nur für sachlich falsch, sondern auch für moralisch verwerflich – den Armen bietet man einen respektvolleren Umgang an, nicht einen Ausweg aus ihrer Armut oder wenigstens eine Kritik an den Zuständen, die diese hervorbringt.

  18. [...] Nachdem sich zwei Zeit-Journalist*innen letztes Jahr als Obdachlose ausgegeben hatten und in einem reichen Viertel im Taunus erfolglos nach Hilfe suchten, wiederholten sie das Spiel dieses Jahr in Berlin-Neukölln.  Der Bloggerin Nadja Shehadeh kritisiert das als “Overacting Armut” [...]

  19. Thomas sagt:

    Shehadistan, deine Kritik geht vollkommen vorbei am eigentlichen Artikel. Du musst eine ganz schöne starke ideologische Brille aufhaben, dass dein Blick so verzerrt wird…

    Wie Frank dir bereits vorgeworfen hat, es geht im Text nicht um die Gründe von Armut und die Erfahrungen der Betroffenen (dazu kann man gerne den straßenfeger etc. lesen, oder sind das für dich auch schon “Privilegierte”, die da zu Wort kommen?), sondern um eine Exploration der Reaktionen auf Hilfegesuche armer Menschen.

    Ich finde den Artikel extrem wichtig, da er das (Interessierten bekannte) Phänomen aufzeigt, dass je privilegierter, desto weniger Mitgefühl für die Lage der Armen. Es beruht auf dem Diktum der “Leistung”, denn allein sie berechtigt ja zu Ansprüchen und einem guten Leben; es kastriert selbst solidarische Maßnahmen in unserem Staat zu einem Hartz IV mit “Leistungsanreizen”.
    Es ist unverzichtbar, die Mär von der “Leistung”, die so tief in den Köpfen dieser Republik sitzt, zu dekonstruieren.

    Dazu ist mir dieser Artikel höchst willkommen, weil er die moralische Verarmung und das Ausblenden der Realität der Reichen und Privilegierten (und auch des Bildungsbürgertums und der Zeitleser) aufzeigt.
    Natürlich muss die Kritik weitergehen, aber man muss auch die Leserschaft abholen. Neidisch, dass dieser Beitrag so viel Erfolg in den Newsfeeds hat?

  20. asihoch10 sagt:

    ‘schönes gefühl’ beim lesen des artikels? interessanter gedanke………….wen willst du denn alles zu wort kommen lassen? den einen teil, der dir bereitwillig auskunft zu übelsten einzelschicksalen gibt? oder die, die nach 20 jahren auf der staße mit ner pulle fusel pro tag gar nicht mehr dazu in der lage sind? oder dir erzählen, dass sie dieses leben leben so wollen und dich ihr leben einen scheiss angeht?

    selbst wenn nur einer handvoll priviligierter zeit-leser ihr priviligiertes dasein mal wieder bewusst wird, sie die kleinen dinge mal wieder, sei es auch nur für einen moment, schätzen können, ist der sache gedient…….und wenn sie dann tatsächlich mal beim einkaufsbummel kurz bei den netten damenherren mit der BoDo anhalten (wollten sie ja eigentlich immer schonmal mach, tja der alltagsstress), eine kaufen + trinkgeld und evtl. sogar noch ein pläuschchen halten. jackpot. da kriegen sie dann sogar alle infos aus straßenperspektive.

    PS exkurs/frage an dich: die fernsehsendung, mit dem mann, der als ‘typisch’ deutscher durchgeht, den einen tag macht er völlig ungeniert fotos vor reichstag/kanzleramt, unbeachtet von den aufpassern. nächsten tag geht er hin, klebt sichn vollbart an und zieht sich ein gewand an, das man eher dem arabischen raum zuschreiben würde. innerhalb von 10 minuten ist er von ‘ordnungshütern’ umringt und muss sich erklären. ok oder anmaßung?

  21. Daniela sagt:

    Da kann man mal wieder sehen was ein „einfacher“ Artikel so alles bewirken kann. Wut, Zustimmung, Ignoranz, Scham, jeder sieht es anders, aber alle wollen ihre Meinung kund tun, was ja auch rechtens ist. Aber warum muss so was immer zur Weihnachtszeit kommen, wäre genau so viel hier los, wenn er im Juni rausgebracht würde? Schwer zu sagen. Weihnachten ist ja ein fest der Nächstenliebe und ich denke deshalb passiert so was immer nur zu dieser zeit, genau wie die ganzen Spendenaufrufe. Also wenn ich spenden will, dann mache ich es dann, wenn ich es will und nicht, wann es mir vorgekaut wird!

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