Protestmusik: „Don’t buy this CD, arsehole!“

Wo sind die Protestsongs hin? Wo sind sie geblieben? In Zeiten, in den die rebellische Attitude ein Marketingaspekt ist, ist die Frage der Dissidenz im Pop ein ziemlicher Klops im Hals.

Meine musikalische Sozialisation jedenfalls begann Anfang der Neunziger, nach dem Mauerfall – zu einer Zeit, in der Grunge einerseits das letzte große kommerzielle Aufleben der Spät-80er Rockkultur in den Industriestaaten nordwestlicher Prägung schnappatmend anschob, andererseits mit der Faust alte Ideale zerschlug. Kurt Cobain schickte James Hetfield (Metallica) und Axl Rose (Guns`n`Roses) in die Frührente. Beide hatten kurz vorher noch dem verstorbenen Freddie Mercury auf einem Tribute-Konzert Ehre gezollt. Worin sich einmal mehr die Paradoxie von Protest zeigte: Ausgerechnet Axl Rose, White-Poor-Vorzeigefigur einer – wenn man großzügig sein möchte – quasi klassenkämpferischen Mainstream-Bewegung, der sich mit rassistischen und homophoben Tracks und Aussagen immer wieder ins Abseits katapultiert hatte, erwies dem schwulen Queen-Fronter eine aufrichtige Verneigung par excellence – und outete sich zudem als großer Elton John-Verehrer. Einfach geht anders.

Lahme Selbstvergewisserung

In Deutschland konnte man zu dieser Zeit eine halbwegs konturlose Jugend vorfinden. Das „Wir“ dieser meiner Generation war nur schemenhaft ausgeprägt, die Einstellung zu den zu den gesellschaftlichen Verhältnissen war vergleichsweise positiv und durch ein kuscheliges Nebeneinander von technologischen und kapitalistischen Prinzipien geprägt.

1992 schaffte es der Song „Arsch huh, Zäng ussenander“ von Bap von Null auf Eins der Schlagerrallye im WDR – der Titelsong einer Kölner Kampagne gegen rechte Gewalt. Ich hatte mit zwölf Lenzen gerade Iron Maiden entdeckt und bereits verstanden, dass die Aktion etwas meinte, von dem ich durchaus auch hätte betroffen sein können. Trotzdem war „Arsch huh…“ eines der ersten Protestlieder, die ich mit ganzem Herzen schlecht fand.

Daran hat sich bis heute nichts geändert. Auch die Neuauflage zum zwanzigjährigen Jubiläum der „Arsch huh“-Kampagne ist nicht mehr als die lahme Selbstvergewisserung einer weiß-deutschen Mehrheitsgesellschaft zum ewigen Mantra „Rassistisch? Wir doch nicht!“. Ein Schulternklopfen für die potentiellen Opfer rechter Gewalt, ohne dass diese wirklich angesprochen sind. Anders wäre in diesem Fall ganz einfach gewesen. Vielleicht aber auch nicht. Womöglich kann Protestmusik nur so gehaltvoll sein, wie es die Hegemonie der jeweiligen Vergesellschaftung anbietet. Protestmusik will zwar per se ein Zeichen gegen die bestehenden Verhältnisse setzen. Doch paradoxerweise gehen Protestthemen oftmals einher mit sozialer Erwünschtheit und Counter-Culture-Trends. Wie eben auch bei „Arsch huh“.

Wichtigste musikalische „Demonstrationsveranstaltung“? Die Loveparade.

Die wichtigste musikalische Demonstrationsveranstaltung der Neunziger in Deutschland war die Loveparade. Sie war wohl das größte deutsche Symbolevent posttraditionaler Vergemeinschaftung. Die Musik barg ihre Reize in der unmelodischen Reizlosigkeit, es gab einen vor-digitalen Narzissmus, und einen Habitus, der irgendwie radikale Gegenwärtigkeit verkörperte. Wenn Musik ein Moment sozialer Signifikanz ist, gerade wenn sie den Reiz für das Massenhafte erwecken kann, muss man der Loveparade wohl als Symbolveranstaltung einer Generation auf das Podest heben.

Die Loveparade war ein System für alle, anschlussfähig und tief verankert im System, gekennzeichnet durch die Auflösung der Zeichenreferenz subkultureller Codes, ausgezeichnet mit einer immensen Integrationsoffenheit, wie sie die wenigsten auf Musikkultur gegründeten Bewegungen haben. Eine Veranstaltung des massiven Idealismus, Harmonie als materiell verwertbares Gut. Die Raver_innen kultivierten die Abkehr von dem Mechanismus, jedwede Handlung von ihren gesellschaftspolitischen Implikationen zu betrachten. Radikalisierung und Erlösung des eigenen Generationenschicksals gingen hier Hand in Hand – als fast schon logische Konsequenz eines Jung-Kollektivs, für das politische Ideologie und Subversion schon immer relativ erfahrungslose Begriffe gewesen sind. Bis auf den Mauerfall hat diese Generation nur kleine Umbrüche ohne großartige Erschütterungen erlebt.

Musik auf deutsch: Comme ci, comme ça.

Dementsprechend unpolitisch blieb zunächst auch die ins Deutsche transferierte Hip-Hop-Kultur: Die Fantastischen Vier blödelten sich mit Fun-Texten in die Herzen. Ihr kommerzieller Erfolg machte immerhin möglich, dass wenig später auch MCs mit Message in der Muttersprache der Mehrheitsgesellschaft ihre Botschaften auf Platte pressen konnten. „Fremd im eigenen Land“ von Advanced Chemistry ist bis heute das Glanzstück des deutschen Conscious Rap, die Crew fast schon das ideale Gegenstück zur Zulu Nation: Der diskursive Protest einer gelabelten Minorität richtete sich passgenau gegen symbolische Gewalt und gegen die Exklusionsfaktoren der (Staats-)Kultur der Privilegierten. Eine Gewalt, die sich nicht nur durch alltäglichen und anderen Rassismus, sondern auch durch restriktive Gesetzgebung auszeichnete – etwa beispielsweise im Bereich des Aufenthaltsrechts und der Partizipation.

Im neuen Jahrtausend war es dann auch unter anderem Advanced-Chemistry-Mitgründer Torch, der in dem Hip Hop-Track „Adriano (Letzte Warnung)“ mit dem Konglomerat „Brothers Keepers“ gegen rassistische Gewalt anrappte. Das weibliche Spiegelprojekt „Sisters Keepers“ bekam wohlwollenden Applaus, konnte aber an den kommerziellen Erfolg des Brudervereins nicht anknüpfen. Und das trotz hochkarätiger Besetzung: Immerhin kam Sisters Keepers-Mitglied Nadja Benaissa von den „No Angels“. Zwar war nun die erfolgreiche deutsche Protestmusik endlich einmal nicht-weiß – großflächig männlich blieb sie allemal.

Infiltriert vom den inländischen HipHop konnte ich mich ab Mitte der 90er dann auch erstmalig für deutsche Texte begeistern – und damit für die Hamburger Schule. Meine Helden wurden Tocotronic, die alles Dagewesene durch eine ganz besondere Lethargie veredelten und das wieder durch feine Ironie geschickt konterkarierten. Statt Demo-Marschmusik machten Tocotronic aus dem deutschen Protestsong ein Moment der Inspiration – und das für ein breites Publikum.

Was aber bleibt: Solange sich Pop, der dissident sein will, den Verwertungsmechanismen der Kulturindustrie unterwirft besteht immer die Gefahr der Vereinnahmung. Im ungünstigsten Fall wird der Protest bloßer Steigbügel der Vermarktung. So geschehen im Falle der Hip-Hop-Band K.I.Z, die sich zwar als persiflierender Kunstact stilisiert, mit übertriebenem Sexismus, mit Gewalt- und Drogenverherrlichung jedoch nur die vorhandenen Verhältnisse reproduziert.

Und sonst?

Wie schafft es Protestmusik, nicht die Welt zu ergänzen, gegen die sie ansingt? Konsequenzen aus dem Dilemma der Aufmerksamkeitsökonomie hat z.B. die Rapperin Sookee gezogen, die sich dem feministischen Queer-Rap verschrieben hat. Sie tritt, wie sie sagt, nur noch in Zusammenhängen auf, die ihren Content wertschätzen können – also ganz bewusst in eher kleinen linken Etablissements.

Noch einen Schritt weiter geht die Musikerin, Aktivistin und Autorin Noah Sow, die von 2008 bis 2009 auch Mitglied der „Sisters“ war. Sow kündigte in diesem Jahr an, überhaupt nicht mehr live aufzutreten und begründete das auf ihrem Blog mit dem strukturellen Rassismus, der ihr bei Konzerten regelmäßig begegnet: „Lieder von Schmerz und Stolz und Kampf und Überleben und Kindern und Alten und Tränen und Straßen in der Stadt – und das Publikum ist wohlwollend, isst Kuchen und vergleicht sie im Kopf mit Erykah Badu. Auf der Bühne muss ich mir dann wegdenken, dass ich das alles weiß, und versuchen, mich selbst zu amüsieren, aber Leute, das kann ich mit viel weniger gönnerhaftem Bullshit in meinem Wohnzimmer.“

Auch Kurt Cobain artikulierte seinen Anspruch, den er an seine Konsumenten stellte, deutlich: „If you’re a sexist, racist, homophobe, or basically an arsehole, don’t buy this CD. I don’t care if you like me, I hate you.“ Und so kann Protestmusik dann auch ein komplettes Programm sein: Mit ganzheitlichen und somit auch und radikalen Konsequenzen, die dann sogar nicht allein die Musik, sondern auch die Haltung des jeweiligen Publikums fokussieren.

[Dieser Text erschien auch im fabelhaften Magazin des Hamburger Schauspielhauses, Hawaii, und zwar in der Ausgabe 07.]

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4 Gedanken zu „Protestmusik: „Don’t buy this CD, arsehole!“

  1. teovia sagt:

    all time classic

  2. monodromie sagt:

    also wenn ich das bemerken duerfte: meine ersten techno-erfahrungen fanden zwar erst 1992 oder so statt, aber genau diese hier proklamierte Inklusion oder ‚immense Integrationsoffenheit‘ fuehrte schon damals von so einem kruden und immer irgendwie weiterbestehenden Elitismus der Gruenderjahre in so etwas, das ich die ‚Integrativitaet des Volkskoerpers‘ nennen wuerde, das war doch gerade diese Dialektik: im NS wurde von einer fadenscheinigen Elite das ‚Integrative‘ der Massen betont oder suggeriert und gleichzeitig gnadenloser Ausschluss, gnadenlose Normierung betrieben. Ich habe, und ich spitze hier das bewusst so zu, keine einzige Berliner Techno-Veranstaltung erlebt, die nicht zu 99% weiss und zu 100% von einem Koerperideal gepraegt worden waere, das im wesentlichen identisch war mit dem der Deutschen zur Zeit des Nationalsozialismus. Meine ersten Erfahrungen mit von ‚Degeneration‘ und ‚Auslese‘ faselnden ‚Feunden‘ waren exakt um Technomusik zentriert und wer sich mal auf Ibiza diese Dialektik von ‚Abschaum‘ (‚weissem Proletariat‘) in den blligen Clubs und ‚Elite‘ in den 30 euro-Eintritt-Clubs angeschaut hat, weiss, wie es um die angeblich integrativen Hierarchien im techno bestellt ist und war. Da half es auch nicht viel dass unser Golf-spielender Model-Freund uns immer umsonst in diese ‚Eliteclubs‘ lotsen wollte, wir haben niemals einen Fuss dort hinein gesetzt. Der techno war, zumindest in Deutschland, fast von Anfang an eine rassistische ziemlich erdrueckend weisse Veranstaltung, in der sich am Anfang ein paar Buerger-Milchbubis zu ‚progressiven‘ ‚Herrschern ueber die Massen‘ aufschwingen wollten aber dann selbst an den ‚Massen die sie riefen‘ irgendwie ‚Ekel fanden‘, ungefaehr so kann man das Phaenomen charakterisieren und das liest sich auch wie ein schlechter Ernst Juenger-Roman, nebenbei gesagt, nicht ganz zufaellig.

    • shehadistan sagt:

      Ja, da stimme ich Dir zu, und natürlich ist eine Massenveranstaltung wie die Loveparade mit Sicherheit natürlich nicht das Nonplusultra politischer Wegweisung (auf keinen Fall). Vor ist ja das angeblich unpolitische am Ende doch wieder ein Politikum, da die Illusion (wie auch in allen möglichen Post-…-Bewegungen) gestreut wird, irgendetwas sei längst überwunden. Zudem die Loveparade ja auch immer ein Ort war, an dem Übergriffigkeiten etc. massiv möglich waren (soweit ich mich beispielsweise an meinen Besuch in Dortmund 2008 erinnere, wo einige wirklich unschöne Sachen passiert sind). Letzten Endes aber war es ja doch eine massiv-offene Veranstaltung, die bspw. ohne Eintritt, ohne Türsteher_innen auskam, und zu der tatsächlich jung und alt gepilgert sind. Zur Techno-Szene (und vor allem dezidiert Clubcodes und Co.) allgemein wollte ich damit aber nichts sagen, dafür kenne ich mich zu wenig aus.

  3. monodromie sagt:

    also ich glaube die Loveparade wa in meinem Leben so ziemlich der (Un-)ort an dem es gerade WEGEN der Massen nicht moeglich war, auch nur mit einer einzigen Frau auch nur im entferntesten zu flirten, weil, wie du schon sagst, Gewalt überall in der Luft lag, weil dieser ‚Ausnahmezustand‘ eben zwangslaeufig auch Gewalt codiert. Wo man sagen muss, dass die Gewalt erst in den spaeteren Jahren den ‚Koerperelitismus‘ der Anfangsjahre ersetzte, d.h. am Anfang war es eher so, dass ich den Eindruck hatte, ich gehoere da nicht hin, weil ich bestimmten Koerperschemen nicht entspreche, spaeter war es eher der Eindruck, ich gehoere da nicht hin, weil eigentlich alles falsch ist an diesem Ort/event. Und dieses ‚umsonst‘ war eben auch nur eine schoene ‚politische Illusion‘ und bitter erkauft, dieser Ausnahmezustand macht sich nicht gut in einer Gesellschaft die fuer Krieg gemacht ist. Am Abend und wie gesagt, erst recht auf Ibiza etc., gab es dann wieder die soziale, rassistische etc. Selektion.

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