Blog-Geburtstag: Ein Jahr in Shehadistan

Vor genau einem Jahr, am 7. September 2012 schoss ich Shehadistan in die Verwinklungen des World Wide Web. Blog-erfahren zwar, aber einigermaßen planlos darüber, wohin die Reise gehen soll. Heute, 181 veröffentlichte Artikel, 214.202 Aufrufe und 983 genehmigte Kommentare später, sieht das nicht wirklich anders aus.

Und auch wenn Ziellosigkeit dieses Projekt wohl weiter bestimmen wird, wird es immer Dinge geben, die bleiben: Menschen, denen ich begegnet bin und die ich oft auch tatsächlich kennenlernen durfte, und die über irgendeine Art von Zwischenstop in diesem just another WordPress-Blog wohl vielleicht nie meinen Weg gekreuzt hätten. Zu erfahren, wie sehr sich eigene Sichtweisen ändern, aber auch festigen können.

Viel ist passiert, und das meiste habe ich dank Social Web gewissermaßen nicht allein erlebt: Eine Berliner-Zeitung machte mich im Zuge der aufgehitzten Buschkowsky-Debatte vom letzten Herbst kurzerhand zur Neuköllner Bloggerin. Das war – so vermute ich – nicht wirklich ein Versehen, passte aber zu allerlei Verschwörungstheorien über eine ominöse Berliner PoC-Szene, die sich ebenfalls im letzten Herbst breitmachte (und zwar sowohl vor als auch nach prägenden Ereignissen, die man aber zum Glück in bester Gesellschaft erlebte).

Screenshot

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Später gab es einen kleinen Knall, als Trailerpark über den Artikel stolperte, in dem ich über ihr Release-Konzert abmotze – und diesen auf ihrer knapp 30.000 Fans umfassenden Facebook-Seite posteten. Erst Tage später beruhigte sich mein WordPress-Backend wieder einigermaßen, und die Headline zum Resümee lieferte am Ende unintendiert ein Trailerpark-Fan: „Der Hurensohn ist eine Frau„.

trailerpark

Ein kleiner Kinogang ging viral, die Kinderbuchdebatte zeigte mir mehr als einmal, wie fragil das eigene soziale Nahfeld eigentlich ist sobald politische Überzeugungen ins Spiel kommen – und ließ mich über mich selbst lernen, wie unerträglich ich inhaltliche Kompromisslösungen zugunsten eines Freund_innenschaftsfriedens finde.

Es gab viel Schabernack, und mit der Zeit konnten ich vor vielen meiner Leser_innen auch nicht mehr mein exzessives Nirvana-Fantum verbergen – da half es auch nix, dass ich die Artikel vorsorglich weitläufig streute.

Meine Abneigung gegen die FEMEN ließ sich bald nicht mehr nur in, sondern auch außerhalb Shehadistans nachlesen. Und wenn ich das Internet nicht vollkritzelte, wurde es mit Musikvideos gepflastert.

Ich würde gerne sagen, dass ich mich an jeden Artikel, den ich geschrieben habe, erinnern kann, als wäre es gestern, aber gestern ist gestern, und heute ist heute, und vieles von dem, was ich gesagt und festgehalten habe, habe ich natürlich bereits vergessen.

Aber, ich lernte für mich wichtige Lektionen: Die wichtigste bisher ist vielleicht, dass so etwas wie „Erfolg“ in den Feldern, in denen ich mich zumeist bewege, mit Sicherheit kein Grund zum Feiern ist. Im Sammelband zum NSU-Terror schrieb ich dazu gewissermaßen die erste Abrechnung mit mir selbst: Als schreibende Person von einer Elendsindustrie oder einer Elendssoziologie zu profitieren ist kein Grund zum Feiern –  nichts anderes passiert mir aber letzten Endes jeden Tag, wenn ich etwa gegen Rassismus oder (aus Gründen) für mehr Feminismus spreche und gehört werde. Mich von den Bequemlichkeiten (oder: der Sektstimmung?) tragen zu lassen, die sich auch im Bereich des Aktivismus eröffnen, wäre für mich persönlich bisher der erste Schritt in eine Apathie, mit der ich mich nicht abfinden möchte. Was mich freut: Ich bin damit anscheinend nicht alleine.

In diesem Sinne: Das zeitweise Hadern mit mir selbst, wenn andere Menschen einen am Ende des Tages zum Beispiel auf eine auch nur sonstwie gelagerte Art als preiswürdig empfinden – ich würde mich freuen, wenn ich diese Zweifel noch lange am Leben halten kann.

Also: Cheers. Danke, dass Ihr hier immer wieder reinlest (denn ohne so spitzenmäßige Leser_innen wie Euch gäbe es kein Blog), und auf ein neues Jahr: Shehadistan. :*

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8 Gedanken zu „Blog-Geburtstag: Ein Jahr in Shehadistan

  1. Ich war nicht immer deiner Meinung, aber mit Interesse gelesen habe ich alles. Alles Gute für die Zukunft!

  2. MondoPrinte sagt:

    Tolles Blog! Glückwunsch zur Einjährigkeit. Ich bewundere, wie Du die Mischung aus diversen Themen und Kontexten hinbekommst. Lese Dich sehr gern.

  3. BoleB sagt:

    Herzlichen Glückwunsch! Auch wenn ich gerade nicht weiss, ob ich pausiere oder ganz aufgehört habe, kann ich sicher sein, dass das Internet bei dir in guten Händen ist :-). Weiter so, irgendwer muss es ja machen…
    PS: Eine Frage kam mir gerade beim Nachdenken über das Bloggen, die Politik und den ganzen Rest, speziell die FSA gestern: Ist es despektierlich zu behaupten, es gäbe eine Parallele zwischen Latschdemos und Blogs vollschreiben? Sind die „Berufsdemonstranten“ von gestern die „Berufsblogger“ von heute? Gibt es da eine Schnittmenge? Egal. Here we are now, entertain us!

    • shehadistan sagt:

      Hi Bole! Danke!
      Und zu Deiner Frage: Ich glaube nicht, dass die Berufsdemonstrant_innen von gestern die (Berufs-)Blogger_innen von heute sind. (Ich glaube ansonsten, dass ich vielleicht ohne Internet evtl. eine Leserbriefschreiberin geworden wäre. Piüüüü.)
      Und mach mal Deinen Blog wieder auf!!!!11111

      • Bole sagt:

        Ja, die Leserbriefschreiberzukunft hätte mir wohl auch gedroht. Ganz nach dem Motto „Echt, du schreibst? Für wen denn?“ – „Och, alle, FAZ, taz, Spiegel. Die veröffentlichen meine wertvollen Hinweise einfach nur nie.“
        Ansonsten: Dank dir für den Zuspruch, könnte sein, dass es geholfen hat. Nicht das alte ist wieder auf, aber nach dem halbwegs bewältigten real-life-Neuanfang hab ich grad ein paar kleine Trippelschritte absolviert, was ein neues wp-blog betrifft. Mal schauen, wie lange ich es diesmal aushalte. Da ich mir der ganzen Sache noch nicht so wirklich sicher bin, verlink ich es noch nicht, musst du selber suchen :-p
        PS. Wie heisst eigentlich dein Großvater?

  4. yetzt sagt:

    was? gefühlt gibt es dein blog doch schon seit ewigkeiten, zumindest steht so viel sinnvolles drin, dass ich länger geschätzt hätte. jedenfalls: yay!

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