Archiv der Kategorie: Faktotum

Nigella Lawson, oder: Die Geschichte der schrecklichen Essensfotos einer Spitzenköchin

Nobody’s perfect, nicht mal Nigella Lawson, die ja eeigentlich eine totale Bombe ist: Ihr Kochkünste sind der Knaller, ihre YouTube-Videos ein Traum, und eine Frau, die nachts nach Hause kommt und denkt: „Hmmm, jetzt erstmal einen Croissant-Pudding kochen!“ – also die finde ich ja eh schon aus Prinzip spitze. Ihre Bücher sind Mega-Bestseller, über eine Million Follower_innen liegen ihr bei Facebook zu Füßen, und alles könnte so schön sein. Wenn es nicht diese fürchterlichen Essensbilder geben würde die sie ständig im Internet hochlädt (trotz Filter, trotz Instagram, trotz vieler andere Durchschnittskochkünstler_innen, die ein einfaches Marmeladenbrot bei Instagram besser präsentieren können als Nigella ihr feinstes Käse-Nudelgericht). Gemeinsam mit der Frankfurter Autorin Nadia Doukali habe ich mal die besten Bilder mal gesammelt, da wir diese Fotos of Shame schon seit langem kritisch im Netz beäugen – und vielleicht möchtet Ihr am Wochenende ja das ein oder andere hier präsentierte Amuse-Gueule „nachzaubern“!

Kommen wir zum ersten Bild des Grauens:

Ein Haufen... irgendwas. Quelle: facebook.com/NigellaLawson

facebook.com/NigellaLawson (c) Francesca Yorke

Was kann das sein? Ein verhunzter Currywurst-Auflauf? Irgendein zerkochtes Boeuf Bourguignon? Oder, noch schlimmer, irgendwas, das schon mal gegessen wurde? Falsch, falsch, falsch! Es handelt sich um „EASY STICKY TOFFEE PUDDING“. Und er wird wohl aber besser schmecken als er aussieht, wenigstens das!

Auch dieses Bild kommt direkt aus der Hölle:

facebook.com/NigellaLawson

Was auf den ersten Blick aussieht wie eine versiffte Regentonne von oben oder ein Sud, der zu lange bei 42 Grad im Schatten vor sich hin schimmeln konnte, entpuppt sich als handgemachte, solide Brühe. Brrrrrrr.

Und der nächste Abturn:

facebook.com/NigellaLawson

facebook.com/NigellaLawson

Chicken Nuggets an sich sind ja schon eine Qual. Chicken Nuggets die nach frittiertem Kackhäuflein aussehen machen es da nicht besser (vor allem, wenn kein guter Filter drübergezogen wurde). Weiterlesen

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Liebe deutsche Presse, es wird wieder über „die Ausländer“ geschrieben? Jippieh! Nicht!

(Ich weiß ja nicht wer wieder damit angefangen hat den „Ausländer“-Terminus wieder auszugraben, aber meinetwegen können wir ihn gerne wieder in eine Tonne packen.)

Jetzt, wo Pegida und Co. den deutschsprachigen Volksraum aufwühlen, zeigt sich die deutsche Presse – und vornehmlich auch das deutschsprachige Feuilleton – breitflächig einigermaßen entsetzt und angeekelt obschon so vieler total uncooler und peinlicher Demonstrant_innen, und empört muss natürlich gegen diese ganzen rassistischen Wutbürger_innen angeschrieben werden, damit man sich ja schön von diesem unstylishen Pack (ja, auch Lookismus-Späße wurden bereits gemacht) distanziert. Und wie kann das besser gehen, wenn man statt von Rassismus die ganze Zeit lieber von Ausländer- und Fremdenfeindlichkeit schwafelt und dabei keinerlei Sensibilisierung für den eigenen Sprachgebrauch (und die Bilder, die man damit zeichnet) zeigt? Deutsche Presse, setzen, sechs! Weiterlesen

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Eskapismus

„[Dr. Fileno] … der dachte, er habe ein probates Mittel gegen alle Leiden des Menschen entdeckt, ein unfehlbares Rezept, dass ihm und aller Menschheit bei jedem Unglück, öffentlich wie privat, Trost spenden würde.

Tatsächlich hatte Dr. Fileno nicht so sehr ein Mittel oder ein Rezept entdeckt, sondern vielmehr eine Methode, die darin bestand, von früh bis spät Geschichtswerke zu lesen und sich darin zu üben, die Gegenwart zu betrachten, als wäre sie ein Geschehen, das längst in den Archiven der Vergangenheit begraben lag. Mittels dieser Methode hatte er sich von allem Leid und Ärger kuriert und hatte – ohne vorher sterben zu müssen – zu einem ernsten und gelassenen Seelenfrieden gefunden, dem jene besondere Traurigkeit innewohnte, die auch dann von Friedhöfen ausgehen würde, wenn alle Menschen längst tot wären.“

(Annie Proulx in „Ein Haus in der Wildnis – Erinnerungen“ aus Luigi Pirandellos „La tragedia d’un personnagio“.)

#Freiheit, oder: Digitales Kapital, Viral-Solidarität und die Korrelation von Reichweite und Protest

Es rumpelte gestern in meinem Internet, beziehungsweise: Heute Nacht. Da wurde in meinen Social Network-Accounts ein kleines Lehrstück darüber aufgeführt, wofür junge Menschen heute noch auf die Straße gehen würden – zum Beispiel nämlich für YouTuber_innen  mit in der Tat unangenehmen Geschäftspartner_innen. Die erfolgreiche Internet-Subkultur in Zeiten des Konsumismus hat es geschafft, mit einem Vermarktungsproblem die Massen zu mobilisieren – während viele andere soziale Missstände niemals mit so einer Vehemenz und Reichweite kritisiert werden könnten. Der Hashtag zum YouTuber_innen-Erdrutsch (#Freiheit), ausgelöst durch das Aussteiger-Ankündigungsvideo eines jungen Mannes, trendete weltweit und löste Reaktionen aus, von denen das gutbürgerliche Feuilleton ganzjährig nur träumen kann.

Doch nochmal von Anfang an: Es war gegen elf als mir gestern abend ein kleiner, ganz süßer Tweet in meine Timeline gesetzt wurde, der aber aus unerfindlichen Gründen unfassbar viele Favs hatte:

„Irgendwas mit YouTube-Community“, dachte ich mir da schon dunkel, denn die YouTuber_innen versammeln eine Follower_innenschaft in einer Masse, wie sie sich Großverlage und Plattenlabel mit High-End-Marketing-Aktionen erstmal teuer erkaufen müssen. Aber was hatte es mit dem großspurigen Hashtag auf sich? Das sollte sich mir nach und nach eröffnen, als mir später ein Video von einem zumindest im Netz bundesweit bekannten YouTuber, Simon Unge, in meine virtuellen Mietflächen gespült wurde. Ein Mann, ein Video, Millionen Follower_innen, Millionenreaktion. Der Fall war einigermaßen klar. Weiterlesen

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Lost in Marxloh

Die Tauschbar in Marxloh, (c) Thorsten Schnorrenbusch

Die Tauschbar in Marxloh, (c) Thorsten Schnorrenbusch

Ich bin also auf dieser Konferenz in Duisburg-Marxloh der Zukunftsakademie NRW, bei der es um postmigrantische Erinnerungserspektiven geht, und ich bin schon etwa fünfmal an zwei Tagen problemlos zwischen zwei Veranstaltungsorten hin- und hergelaufen, auch im Dunkeln. An Tag zwei, beim sechsten Mal, biege ich beim Rückweg ins Hotel einmal falsch ab.

Flurkarte mit Schultenhof

Flurkarte mit Schultenhof

Schultenhof

Schultenhof

Marxloh hat heute knapp 20.000 Einwohner_innen, von denen sind etwa 42% keine Urdeutsche, und der Ortsname leitet sich ab von Mersch, „feuchtes Weideland“, und Loh, „Hochwald“. Wie so oft war die Keimzelle des Stadtteiles ein Hof, genauer gesagt: Der Schultenhof, der dort lag, wo heute die Schulte-Marxloh-Straße auf die Kaiser-Friedrich-Straße trifft – das ist schon einige Gehminuten vom Marxloher „City“-Kern, der Weseler Straße, entfernt.

Vor Abreise hatte ich „Marxloh“ gegooglet, und Google schlug mir direkt folgende Suchkombinationen vor: „Marxloh Kleider“, „Marxloh Moschee“, „Marxloh Abendkleider“, und „Wo der Pott Deutschen und Türken gehört“ sagt auf Seite 1 der SPIEGEL mit einem Artikel von 2008.

Unser Hotel liegt nicht weit entfernt von der Brautmodenmeile, für die Marxloh anscheinend so berühmt ist, und es ist immer mal wieder auch Treffpunkt für Menschen, die sich mit Strukturen und Strukturwandel beschäftigen – seien es nun geplante Grüngürtel oder die ersten Integrationsratsitzungen. Wir scheinen mit unsere Veranstaltung am richtigen Platz gelandet zu sein.

Es ist ein grauer Tag, spielende Kinder laufen auf der Straße rum, eine geschlossene Trinkhalle lädt mit bunten Sonnenschirmen dazu ein, zumindest am Zigarettenautomaten vor dem Kiosk eine Schachtel zu ziehen. Anwohner_innen erledigen ihre Samstagsgeschäfte, und ich könnte viele von ihnen nach dem richtigen Weg zum Hotel fragen – oder aber, ob sie sich postmigrantisch fühlen. Und ich lasse beides und finde mit einigen Umwegen dann doch allein den Weg zurück ins Hotel.

 

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Das Meer und die Migration: Porto M.

Was, wenn das, was man bei einer Reise mit sich tragen kann, nicht viel Platz einnehmen darf? Was kann im Zweifel die wichtigste Habseligkeit sein, die man temporär mit sich trägt? Wie kann es sein, dass ausgerechnet eine Dose Harissa oder eine Kassette mit Musik als das letzte Bindeglied zur einer vorherigen Heimat werden kann? Und wann wird ein Objekt zum emotional aufgeladenen Ort einer Erinnerung?

Eine für mich der eindrucksvollsten Ausstellungen wird beim Zukunftslabor „Multiple Memories“ der Zukunftsakademie NRW gezeigt: Die Ausstellung Porto M. zeigt Objekte, die Menschen gehörten, die in Lampedusa angekommen sind, und die das Kollektiv Askavusa seit 2009 sammelt. Ein zerfledderter Koran, eine alte Zahnbürste, ein einsamer Flip Flop, eine Schachtel Zigaretten – teilweise spirituell bedeutsame Besitztümer liegen neben scheinbar schnöden Gebrauchsgegenständen, doch allen Gegenständen ist gemeinsam, dass sie nicht in einen großen Koffer passen dürfen. „Das, was man am Leibe trägt“ wird beim Anblick der Ausstellung von der Phrase zu einer bewegenden Klarheit, denn man weiß: Einige der Exponate sind in der Tat irgendwann mal so etwas wie das letzte Hemd ihrer Besitzer_innen gewesen.

Das Kollektiv, das im Raum Porto M. die Ausstellung beherbergt und diese Art der Erinnerung ermöglicht, führt dabei in Eigenregie und unabhängig von großen Geldgeber_innen das Projekt durch. Als „anarchistisch“ bezeichnen sie ihren Ansatz im Panel von gestern, und Geld großer Firmen oder anderer einflussreicher Gönner lehnen sie ab, denn „Diese Geldgeber repräsentieren das System“ – und zwar ein System, das verantwortlich ist für geschlossene Grenzen, gewaltvolle Fluchterfahrungen, ungerechte Asylpolitik und im schlimmsten Fall Tod (der nicht mal ein Sonderfall ist). Beispielhaft für eine stringent praktizierte Counter Culture steht das Kollektiv, dass alle Schwierigkeiten in Kauf nimmt um ohne größere Unterstützung Erinnerungsarbeit zu leisten und zu kommunizieren.

Am 5.12. beim Zukunftslabor „Multiple Memories“ – Vertreter_innen von Porto M.

Das M aus Porto M kann dafür für alles Mögliche stehen: Migration, Mobilisierung, Memoiren, Militarisierung. Migrationen als Folge des kapitalisitischen Wirtschaftssystems, des Imperialismus, des Einflusses der multinationalen Firmen und der Banken auf die Entscheidungen der Regierungen: Wendet man diese Ansätze an, ergeben sich tatsächlich ganz andere Perspektiven auf Erinnerung – Erinnerungsperspektiven, die mit Schmerz und Verlust verbunden sind, mit Möglichkeiten und Grenzen, mit Ressourcen und Gerechtigkeit.

via Askavusa Lampedusa

via Askavusa Lampedusa

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Unsere Kultur der Belästigung und der Tod von Tuğçe Albayrak

Letzte Woche ist eine Tochter, Schwester, Freundin, Kommilitonin und mutige Helferin von uns gegangen, Tuğçe Albayrak,  eine junge Frau, die noch viel vorhatte in einem Leben, das viel zu früh endete. Seitdem wird getrauert, der Familie Beistand gewünscht, im Netz nicht enden wollende Solidarität bekundet, Zivilcourage erneut diskutiert – national und international.

Via facebook.com/pages/Tuğçe-zeigte-Zivilcourage-zeigen-wir-Ihr-unseren-Respekt

Eko Fresh (via facebook.com/pages/Tuğçe-zeigte-Zivilcourage-zeigen-wir-Ihr-unseren-Respekt)

Wichtige Überlegungen zum Einschreiten in Gefahrensituationen und über aktives Handeln und Zivilcourage nach der Betroffenheit lieferte Heng in einem wichtigen Text für das Missy Magazine. „Das Mindeste, das Tuğçe von uns verdient, ist nicht nur Respekt, sondern auch das Überdenken eigener Handlungen, die Erhöhung einer allgemeinen Aufmerksamkeit und den Mut, selbst zu intervenieren“, schreibt sie, und ich stimme voll zu.

Was ebenfalls überdacht werden sollte: Der kulturelle Zusammenhang des gewaltvollen Übergriffs, der eben nicht in einem luftleeren Raum stattgefunden hat, sondern in einer Gesellschaft, die nach wie vor die Belästigung von *Frauen und *Mädchen als gängiges Verhaltensrepertoire vorsieht, die Rape Culture prägt und Victim Blaiming betreibt. Tuğçe Albayrak ist gestorben, weil sie an einem öffentlichen Ort junge Mädchen vor Übergriffigkeiten geschützt hat. Wenn junge Mädchen an einem so öffentlichen (!) Ort wie einer McDonalds-Filiale belästigt werden, wenn sich dort bis auf eine junge Frau wie Tuğçe und ihre Freundinnen niemand daran stört dass es einen hörbaren Übergriff gibt, wenn niemand einschreitet außer eben beherzte Gäst_innen, dann hat das nichts mehr mit tragischen Zufälligkeiten und Einzelfallausrastern zu tun, sondern mit einer Gesellschaft, die derartige Übergriffe bagatellisiert und patriarchale Denkmuster stützt und Mikroaggressionen gegen alles, was nicht cismännlich ist, befeuert, und zwar: Immer, überall. Weiterlesen

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Reaktionen auf Kay One’s Bushido-Diss

Ich hab sie alle gesammelt, nix zu danken!

Mein Computer:

kay oneKay One’s W-Lan:

Bushido:

Ali Alulu Abdul-r:

Mein YouTube-Playlist:

Ada Blitzkrieg:

Al Gear:

Bushido-Fans:

Krass gerappt?jeder der sich ihn angehört hat hatgehört das dass ein scheis biliger beat ist und er nicht ma auf den beat geflowt hat und das ganze a sychron war und nur so ich ficke deine mutter rap im sine eines disstracksl

Kay One-Fans:

Unbeteiligte Dritte:

Ich als ich gehört habe was das Video gekostet haben soll:

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Moko – Your Love

„She has been compared to UK trip hop bands of the 1990s, with NME describing Moko’s music as „London’s answer to Massive Attack.“ Kann es sein dass diese gute Frau hier trotzdem noch ein bisschen zu underrated ist?

Ein tolles Video gibt es natürlich auch, allerdings nicht bei YouTube. Was ich zumindest hier schon mal anbieten kann: Eine tolle gif-Parade via nokiabae:

Das Problem mit weißen Konvertiten

Jordan Horner, Part des Londoner Pendants der Sharia-Polizei – und Konvertit. via dailymail.co.uk

Zum Islam konvertierte weiße Menschen gehörten schon vor Breitbandinternet immer wieder zu meinem sozialen Nahfeld. Im Kindesalter ergab sich dies durch diverse multi-ethnische Familien mit denen meine Eltern befreundet waren, und in denen in der Regel die (weiße, nicht immer deutsche) Frau zum Islam konvertiert war. Heute nerven mich weiße Konvertit_innen vor allem in Schlagzeilen und Internet. Und sie nerven nicht nur, sie müssen langsam mal dringend als Teil rassistischer Praxis problematisiert werden wenn es um kulturelle Aneignung geht: Vor allem dann, wenn sie als i-Tüpfelchen ein schlechtes Licht auf marginalisierte communities werfen und als Vertreter_innen migrantisierter Menschen oder einer muslimischen Diaspora (in Deutschland oder anderswo) identifiziert werden. Den einzigen Reflex den sie mittlerweile bei mir noch auslösen ist eigentlich  nur noch der hier: OOOOOOOOOOOOOOAAAAAAAAAAAAARRRRRRRRRRRR. Weiterlesen

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